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Johann Gottlieb Christaller (und Steinhauser) an Joseph Josenhans

(London, 1.(-4.) Dez. 1852)

BM: BV 357 I 12

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Theuerster Herr Inspector!

In dem sitting-room der drei Br├╝der Gerst, Kefer und Maser beginne ich diesen ersten Brief an Sie, um Ihnen das N├Ąhere ├╝ber meine und Bruder Steinhausers Reise mitzutheilen.

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Am Do den 25. v. M. fr├╝h, nachdem Sie und die ganze Missionshausfamilie uns vier Br├╝der mit ihren Segensw├╝nschen und Gebeten entlassen hatten, brachte uns der Omnibus rechtzeitig nach Haltingen. Dort bezahlten Brutschin und Plessing f├╝r ihr Gep├Ąck bis Frankfurt, wir beide bis Mannheim, erstere nahmen Stehwagenbillette bis Carlsruhe, wir bis Freiburg, da uns ein Bruder der Stehwagen belehrte, und auch das Sizen auf die eine oder andere Weise nicht unm├Âglich war, nahmen wir zwei in Freiburg und alle vier in Carlsruhe abermals Stehwagenbillette bis zum Ziel der Reise dieses ersten Tages; vor Wind und Wetter ist man in den Stehwagen ebenso sehr gesch├╝zt als in den nicht geschlossenen W├Ągen III. Classe, (die Plessing und ich auf unserer lezten R├╝ckreise nach Basel wegen Versp├Ątung durch den Pforzheim-Carlsruher Omnibus hatten ben├╝zen m├╝ssen).

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Das Wetter war recht gut. Am Bahnhofe in Dinglingen wartete Bruder Steinhausers Vater und Bruder ihn nochmals zu begr├╝├čen und ihm K├╝chlein, Fleisch und eine Flasche Wein zu ├╝bergeben, was er br├╝derlich mit uns theilte.

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Sonst begegnete uns auf der Eisenbahnfahrt nichts Erw├Ąhnenswerthes, au├čer etwa da├č oberhalb Carlsruhe ein Jude zu uns einstieg, der mich f├╝r einen Angeh├Ârigen seines Volkes hielt, und als ich dies verneinte, dagegen sagte, ich sei ein Freund der [...] (hebr. Buchstaben), meinte er, ich wolle meine israelitische Herkunft nur verl├Ąugnen; als ich sodann um ihm zu zeigen, da├č ich als geborener Christ das Hebr├Ąische erlernt, den Anfang des 1. Psalms nach unserer Aussprache sagte, dann aber auch nach der Betonung und Aussprache der Aschkanasim, wurde er seiner Meinung, da├č ich ein Israelit sei, ganz gewi├č, sonst k├Ânnte ich nicht Halach (=hebr.) sagen, und wollte zwei Kronenthaler, dann 200 fl wetten und sich gar den Hals abschneiden lassen, wenn es nicht so seie. Ich konnte ihm an dieser T├Ąuschung zeigen, da├č er sich in seinen Ansichten von Religion, besonders j├╝discher und christlicher, vom Messias usw ebenso t├Ąuschen k├Ânne, aber auch was Bruder Steinhauser mit ihm redete, konnte ihn nicht davon abbringen, ich mu├čte ihn in meinen Gedanken ohne der Liebe f├╝r Israel Eintrag zu thun, eben auch noch zu den 'Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herzen und Ohren' rechnen. Seinen Hals h├Ątte er sich noch einmal abschneiden lassen, eher als beugen vor dem Gekreuzigten.

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In Heidelberg trennten sich die Br├╝der Brutschin und Plessing, wir kamen um 1/2 5 Uhr in Mannheim an, bis wir aber unser Gep├Ąck hatten und uns in einem Omnibus, der mehrere Male anhielt, endlich zu Eyssen und Claus, dem Spediteur unserer gro├čen Kiste, dessen Namen uns Herr Meulen gegeben hatte, gef├╝hrt wurden.

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Mittlerweile war es bereits 5 Uhr geworden und v├Âllige Nacht. Wir hatten dieses Haus gew├Ąhlt, weil uns Herr Meulen, ein geborener Mannheimer, mit dem ich mich auf der Eisenbahn unterhalten hatte, (Papier verderbt, d. i. wissen) lie├čen, da├č es ganz nahe dem Abfahrtsort des Dampfschiffes sei - was aber nur etwa f├╝r Fu├čg├Ąnger bei Tage (durch den Schlo├čgarten) nicht aber f├╝r die Hinbesorgung des Gep├Ącks der Fall war. Herr Reihlen wohnt 1/2 Stunde davon jenseits des Rheins in seiner Fabrik, sein Tochtermann Herr Butterfa├č, an den wir zudem keine besondere Adresse hatten, wohnt zwar in der Stadt, aber auch etwas entfernt, so nahmen wir die Einladung von Herrn Claus bei ihm zu ├╝bernachten an, er f├╝hrte uns in ein Zimmer, mu├čte uns aber wegen seiner Gesch├Ąfte wieder verlassen, wir berathschlagten weiter ├╝ber unseren Reiseplan, bis seine Frau kam, aber aus einem Besuche etwa bei Herrn Butterfa├č wurde es nichts mehr. Wir unterhielten uns mit der Frau beim The u hernach als Herr Claus gekommen war, redeten beim Abendbrod haupts├Ąchlich ├╝ber die Basler Mission. Es sind liebe christliche Leute, ein noch junges Ehepaar, die zwei Kinder unter vier Jahren zeigten sich recht anh├Ąnglich aneinander. Herr Claus hatte, als er wiederkam, bereits auf den anderen Morgen um 1/2 5 Uhr eine Droschke f├╝r uns bestellt, die uns bereit fand. Wir hatten unsere Koffer hinuntergetragen, aber um den Hausschl├╝ssel zu bekommen, mu├čten wir Herrn Claus wecken, der nur w├╝nschte, wir h├Ątten es fr├╝her gethan. Wir mu├čten den Abschied kurz machen, ich lie├č mir das geeignetste Gasthaus nennen f├╝r Jgf Diez, falls sie ├╝ber Mannheim geht, er gab uns das 'Rheintal' an.

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Um 5 Uhr waren wir auf dem Dampfboot der D├╝sseldorfer Gesellschaft, das wir bis K├Âln bezahlt hatten (ein anderes der K├Âlner Gesellschaft sollte um 7 Uhr abgehen). Ein Rheinnebel verhinderte die Abfahrt um 1 1/2 Viertelstunden, nachdem es eine Strecke gefahren war, mu├čte es wegen weiterer Nebel wieder stille liegen, und zwar wiederholt oder doch langsamer fahren, oder gar ein klein wenig der Str├Âmung entgegen r├╝ckw├Ąrts treiben. So wurde der Lauf desselben bis unterhalb Worms etwa drei Stunden verz├Âgert, so da├č ich bange war, wir m├Âchten an diesem Tage nicht weit kommen. Doch endlich verschwanden die Nebel, das Wetter war hell und sch├Ân und um 12 Uhr waren wir in Mainz, von wo es keinen Aufenthalt mehr gab als den des Ausschiffens oder Aufnehmens von Leuten und Waaren. Ich hielt mich aus Besorgni├č mein Hals├╝bel zu verschlimmern, meist in der Kaj├╝te auf, wo ich mit ein paar Auswanderern aus W├╝rttemberg und anderen Leuten in Ber├╝hrung kam, denen ich mitunter Tractate und Missionsschriften zu lesen gab. Letzteres erregte die Aufmerksamkeit einiger katholischer Herren, die glaubten, ich wolle geschenkt bekommene Schriften den Leuten verkaufen (dies that ich nicht) und nach einigen hin und her gewechselten Reden zeigte sichs, da├č auch sie mich f├╝r einen getauften Juden hielten, was mich nicht wenig erg├Âzte, die Leute so in ihrer selbstgemachten Einbildung befangen zu sehen. Da├č ich aber, sobald gen├╝gend Veranlassung gegeben war, frei heraus sagte, wer wir seien, habe ich nie bereut, es hat uns im Gegentheil mitunter Gef├Ąlligkeiten z. B. Mittheilung von Adressen oder guten Rath zuwege gebracht. Vom Binger Loch an bis zum Loreley Felsen waren wir fast immer auf dem Vordeck mit einem artigen katholischen Studenten, der uns ├╝ber die selbst im Winter so sch├Ânen und sehenswerten Ufer dieser Strecke des Rheines mit ihren geschichtlichen und geographischen Merkw├╝rdigkeiten manches sagen konnte. Bei Coblenz giengen wir nochmals aufs Verdeck, um diese Stadt u die Festung Ehrenbreitstein besser zu sehen, so viel dies die Dunkelheit der Nacht zulie├č. Vor Neuwied [...] (die Ecke des Briefes ist nicht lesbar) [...] der bei ev. Christen einen guten Klang hat, blickte ich durch ein Fenster der Caj├╝te, sobald das Schiff hielt und gedachte der dortigen Br├╝dergemeinde. Von Bonn, wo uns jener St(udent) verlie├č, kam ein Gastwirt aus K├Âln ins Schiff, der den oben erw├Ąhnten Auswanderern einen gro├čen Dienst erwiesen hatte, indem er ihnen durch seine Weisungen wieder zu ihrem Reisegeld nach Bremen verhalf, um welches ein Mannheimer Wirth sie geprellt hatte, so da├č sie von K├Âln wieder dahin h├Ątten zur├╝ckkehren m├╝ssen. Er gefiel uns mit seinem etwas bramarbasierenden Reden nicht ganz, doch da├č er jene Auswanderer gut berathen und behandelt hatte, war offenbar, und es war uns dann doch lieb, da├č wir bei der Ankunft in K├Âln, etwa 9 Uhr nachts, noch keinen aus der Masse ganz unbekannter Leute, die uns anschrien, zu fragen hatten; zwei M├Ąnner, die seiner warteten, trugen unsere Koffer, denen wir mit wachsamen Augen, den Nachtsack in der einen, Huthschachtel und Schirm in der anderen Hand, eine ziemliche Strecke bis zum Wirthshaus 'Das Rheintal' (welches aber jedenfalls nicht soviel Zutrauen, wie das in Mannheim verdient,) folgten.

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Den anderen Morgen (Sa) hatten wir mit Umpacken zu thun und besahen uns den Dom, insbesondere die neuen pr├Ąchtig gemalten Fenster (von K├Ânig Ludwig in Bayern gestiftet). Von dem zur├╝ckgekehrt, lie├čen wir uns von unserem Wirthe einen Schein geben ├╝ber Koffer und Nachtsack, die wir dalie├čen, fuhren dann mit einem Dampfboot ├╝ber den Rhein nach Deuz und von da mit der Eisenbahn ├╝ber D├╝sseldorf nach Elberfeld. Von Deuz nach D├╝sseldorf ging es rasch durch das sch├Âne fast ganz ebene Land l├Ąngs des Rheines, nicht so von D├╝sseldorf nach Elberfeld, wo der Zug einmal ├╝ber eine Viertelstunde unterwegs halten mu├čte und wo die gro├če Unebenheit des Bodens den Bau der Bahn schwieriger machte. Besonders der letzte Theil dieser Strecke, als es in das Wupperthal gieng, bot ungemein viel Abwechslung dar, bald befand man sich in einem Einschnitt, bald ├Âffnete sich links, bald rechts beiderseits die Aussicht auf die wohl angebaute und stark bev├Âlkerte Gegend, keine andere Gegend erg├Âzte uns so als das Wupperthal bei und mit Elberfeld.

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In Elberfeld waren wir zuerst bei meinem Oheim (d. i. Bruder der Mutter), dann f├╝hrte uns dessen Sohn zu Herrn Kaufmann Frickenhaus, der sehr freundlich und liebreich sich eine kleine Weile mit uns unterredete, und von da nach dem Barmer Missionshause, wo besonders die drei Br├╝der der I. Classe uns mit Freude empfiengen, wie auch die Briefe von Bruder Kaufmann und Kittel. Gedachte drei Br├╝der haben ein eigenes Zimmer, die 8 Br├╝der der 2ten Classe sind in zwei Zimmern, obgleich sie die alten Sprachen nicht lernen, (dagegen neben dem Englischen Holl├Ąndisch) haben sie doch sehr viel zu thun, besonders wegen der Repetition, soviel als Examen am letzten Tage des Monats; auch haben die ├Ąlteren Br├╝der sozusagen eine eigentliche Gemeinde, wo sie allt├Ąglich zu predigen und auch Seelsorge zu ├╝ben haben.

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Herr Inspector Wallmann sahen wir erst beim Kaffee (im ganzen Bergischen Land gibt es mittwochs und samstags Kaffee statt des Nachtessens.); da├č er uns nicht gr├╝├čte, war uns allerdings auffallend, aber ├╝ber Tisch sprach er einiges mit uns und von den ├Ąltesten Br├╝dern h├Ârten wir hernach, wie sehr sie ihn lieben und sch├Ątzen ungeachtet seines schroffen einsilbigen Benehmens, was nun einmal seine Eigent├╝mlichkeit ist, auch unterwegs gr├╝├če er niemand (kennt auch niemand wegen Kurzsichtigkeit).

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Die Abendandacht hielt er jeden Abend in der Weise, wie sie im Basler Missionshause Sonntagabends im Speisesaal stattfindet. Auch bei der Morgenandacht am Sonntag, dem 1. Adventsfest, waren wir zugegen und lernten da den Mann abermals um seines Ernstes und seiner Gebetsinbrunst recht sch├Ązen, ├╝berm Fr├╝hst├╝ck redete er mehr mit uns in ernster und wohlthuender Weise ├╝ber den Beruf eines Missionars, insbesondere in einem solchen Todeslande wie Westafrika, war aber ohne 'guten Morgen' oder ein ├Ąhnliches Wort des Gru├čes gekommen, nur zur hinteren Th├╝r herein und raschen Schritts seinem Plaz am Tische zu, so gieng er auch wieder weg und nachmittags konnten wir uns nur von seiner Frau verabschieden, weil er gerade in der Kirche war.

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Nachdem wir uns die Bildergruppe in dem Speisesaale darstellend die chinesischen Missionare in europ├Ąischer und chinesischer Tracht, die s├╝dafrikanischen mit ihren Frauen, die Borneo Missionare ebenso, ferner bekehrte Eingeborene, haupts├Ąchlich von Keudsen (?), Landschaften, Stationen usw angesehen und noch weiter freundlich mit den Br├╝dern verkehrt hatten, giengen wir mit den letzteren nach Elberfeld zur├╝ck und in die neue lutherische Kirche daselbst, wo Pastor Sander predigte ├╝ber Sach. 9,9. 'Du Tochter Zion, freue dich sehr', als Ursache der Freude nahm er einen Part nach dem anderen aus den angef├╝hrten Versen vor, bezog z.B. das Erwecken der Kinder Zions ├╝ber die Kinder Griechenlands auf den Weg des Evangeliums ├╝ber die griechische oder Weltweisheit und wies auch auf das in Frankreich sich erhebende Kaisertum als das antichristische Reich in Verbindung mit dem Menschen, der die zweifache Krone tr├Ągt, hin. Von der Kirche gieng Steinhauser zur├╝ck ins Missionshaus - beim Mittagessen erst habe ich Herrn Inspector W. recht herzlich und freundlich gesprochen - ich war bei meinen Verwandten, holte gegen 3 Uhr Steinhauser ab und von meines Oheims Hause giengen wir zur Eisenbahn, wo der Zug um 3 Uhr 50 Minuten abgieng, we├čhalb wir den Besuch bei Herrn Frickenhaus nicht wiederholen noch sonst einen mehr machen konnten. Aber so kurz auch der Aufenthalt in Elberfeld und Barmen war, so hat uns doch dieser Abstecher nicht gereut, mich jedenfalls nicht, da ja uns der l├Ąngstgehegte Wunsch erf├╝llt war, meine Verwandten kennen zu lernen.

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In D├╝sseldorf konnten wir in dritthalb Stunden verweilen, da die beiderseitigen Bahnz├╝ge diesmal nicht zusammentrafen, wir suchten Herrn Pastor Bohrhold auf, mit dem wir nur einige, aber herzliche und erquickende Worte sprechen konnten, weil er einen starken Katarrh hatte und doch gleich darauf (in der Nacht) nach D├╝sseldorf mu├čte, das Hlg Abendmahl zu reichen. Ein Knabe von ihm f├╝hrte uns in Bruder Isenbergs Haus und weil er samt Frau in der Kirche war, auch dahin, wo wir von Pastor Kraft eine k├Âstliche Adventspredigt h├Ârten ├╝ber Luc. 4: 'Gelobet sei der Herr der Gott Israels, denn er hat besucht und erl├Âst sein Volk. ' Unten war es, weil die Predigt schon begonnen hatte, als wir kamen, geschlossen, aber als wir eine Wendeltreppe hinaufgiengen, freute es mich inniglich, hier bis vor die Th├╝r heraus alles gedr├Ąngt voll Leuten zu sehen, so da├č wir kaum in das Innere der Kirche sehen konnten; doch verstanden wir jedes Wort von der ungemein klaren und fa├člichen, recht biblischen und die Gem├╝ther anfachenden Predigt. Bruder Isenberg warteten wir vor der Kirche ab, giengen auf ein paar Augenblicke zur├╝ck in sein Haus und dann begleitete er uns zur Eisenbahn, wo wir kaum noch recht kamen. Um 8 Uhr 10 Minuten in Deuz angekommen, giengen wir mit einem unterwegs gewonnenen Freunde ├╝ber die Schiffsbr├╝cke nach K├Âln zu Herrn Kaufmann Simonis (Gro├če Witchgasse Nr. 96), dessen Namen uns Herr Meulen genannt u den auch Herr Claus in Mannheim zu gr├╝├čen uns gebeten hatte. Herr Simonis, ein schon ├Ąltlicher, aber Zutrauen erweckender freundlicher Herr kennt Herrn Hoffmann, Pfarrer Blumhardt usw, wir sprachen mit ihm und seiner Frau und Sohn (w├Ąhrend sie uns noch Suppe und Fleisch zum Nachtessen bringen lie├čen) ein paar Stunden, haupts├Ąchlich auch wegen der Reise von Jgf. Diez. Herr Simonis erkl├Ąrte offen, da so manche Basler Missionare des Weges noch kommen k├Ânnten, w├╝rde ihm ihre regelm├Ą├čige Beherbergung doch zuviel St├Ârung machen, aber bei einem Frauenzimmer sei es etwas anderes, er sei gerne bereit, Frl. Diez aufzunehmen. Wir hatten nat├╝rlich nur um den passendsten Gasthof f├╝r sie gefragt. Was die Weiterreise nach London betrifft, so glaubten Herr Simonis und Sohn, der Fahrt mit dem von Ostende unmittelbar nach London gehenden Schiff den Vorzug geben zu sollen wegen der Umst├Ąndlichkeiten in Dover; sie w├╝rden dann Frl. Diez von dem Agenten dieser Dampfschifffahrts-Gesellschaft in Ostende St. Amour empfehlen. Der Sohn begleitete uns bis in die N├Ąhe unseres Gasthofes, und von hier brachen wir den anderen Morgen 6 Uhr auf (der Hausknecht f├╝hrt uns die Koffer) zum Bahnhof der Rheinisch-Belgischen Eisenbahn, wo wir f├╝r die ganze Fahrt nach London bezahlten und um 7 Uhr abfuhren.

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Da giengs nun den ganzen Tag fort, in Veroners, der ersten Station in Belgien mu├čten wir die P├Ąsse zeigen und kamen dann in eine Wagenabtheilung zu etlichen Engl├Ąndern, die auch ├╝ber Ostende und Dover nach London wollten, da gab es schon einigerma├čen Gelegenheit, sich im Englischen zu ├╝ben; in Molines mu├čten wir auf den Zug von Br├╝ssel warten, in Gent nochmals die Wagen wechseln und kamen etwa halb 7 Uhr in Nacht und Regen in Ostende an. Unser Gep├Ąck ins Zollhaus zum Abfahrtsort des Dampfschiffes zu bringen, kostete jeden 1 1/2 Francs (Taxe), ebenso uns samt Gep├Ąck (mit etwa 1 Dutzend anderen Reisenden) in einem kleinen Boot etwa eine halbe Stunde weit unter starkem Regen und bei bewegter See zum Dampfschiff zu bringen.

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Das vollgepfropfte Boot glitt wie eine Nu├čschale ├╝ber die Wellen, man mu├čte auf einer Leiter hinab, und als es nach vollendeter Fahrt mit M├╝he dem Dampfschiff gen├Ąhert und daran befestigt war, in letzteres hinaufsteigen, ich st├╝rzte statt mit aufrechten F├╝├čen aufs Verdeck zu kommen, auf die Knie und dachte dann an Wilhelm von der Normandie 'Ich ergreife dich, England'. Das Fl├Ąmisch der schreienden Bootsleute verstand ich nicht, es deuchte mich aber troz Finsterni├č und Wogen lustig auf dem schaukelnden Boote, weil ich mich unter dem Schirm des H├Âchsten wu├čte. Auf dem Dampfschiff war es nun freilich nicht sehr heimelich, weder oben noch unten, au├čer Anfang als Steinhauser und ich als einzige Reisende II. Classe in der kleinen Caj├╝te beisammen waren und von einem Rest eines Mainzer Brodlaibchens a├čen. Steinhauser suchte die englischen Herren, fand sie alle in einer sch├Âneren Caj├╝te und holte mich auch hin, aber es zeigte sich bald, da├č wir kein Recht dahin hatten. So hatte uns das Herumstolpern nichts gen├╝zt, und ich gieng wieder zur├╝ck in die kleine Caj├╝te; schon aber versp├╝rte ich die Wirkungen von dem Schwanken des Schiffes und erfuhr sie in bekannter Weise einigemal, doch so, da├č ich mich nach den paar krampfhaften Zusammenziehungen des Magens jedesmal wieder ordentlich f├╝hlte. Steinhauser blieb auf dem Verdeck auch nicht verschont.

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Endlich landete das Schiff in Dover, und zwar hart am Ufer (zu anderen Zeiten kanns vorkommen, da├č man in Ostende vom Lande aus sogleich das Dampfschiff besteigen kann und dagegen in Dover nicht landen kann, sondern in den Booten eine Strecke weit ans Ufer zu fahren hat, es h├Ąngt von Ebbe und Flut und vom Wetter ab.) Auf der Elberfeld/D├╝sseldorfer Bahn hatte mir ein preu├čischer Soldat, der diesen Zug nach England schon oft gemacht, eine Adresse aufgeschrieben an seinen Freund Mr. Harrington, Zoll Agenten, nach diesem fragten wir, und hatten so um die Deutschen, die uns ihre Dienste anbieten wollten, die aber den drei Br├╝dern Grosby so mi├čfielen, uns nicht zu bek├╝mmern.

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Im Zollhaus gieng alles in sch├Âner Ordnung vor sich, Schwierigkeiten hatten wir keine und folgten dann Mr. Harrington in das Gun Hotel (Gasthof zur Kanone), wohin unser Gep├Ąck gebracht wurde. Wir lie├čen uns in dem freilich in englischer Pracht eingerichteten Gasthofe Kaffee geben und dann in ein schmales Zimmer mit zwei Betten f├╝hren, die wir aber der wenigen Stunden von 2-6 Uhr morgens nicht ben├╝zten, nachdem ich die Zusicherung erhalten, da├č wir sie dann nicht bezahlen d├╝rfen, ich brachte aber am Morgen doch nur 1Sh de├čhalb in der Rechnung weg und wir hatten zu bezahlen f├╝r Kaffee 3 Sh, f├╝r Zimmer 2 Sh, Aufwartung 2 Sh, zusammen 7 Sh. Mr. Harrington rechnete f├╝r sich 1 1/2 Sh, was wir ihm gerne gaben, denn er begleitete uns auch noch zur Eisenbahn, von wo der Zug morgens 7 Uhr abgieng und uns dann um 12 Uhr nach London brachte. (Au├čer 3 1/2 Sh f├╝r das Gep├Ąck vom Schiff zum Gasthof zahlte ich 1Sh, von da zum Bahnhof hatten wir in England nichts mehr zu bezahlen, dagegen mu├čten dem Kutscher, der uns zu Herrn Youngs Haus und von da zu Mrs. Bitter brachte 3 1/2 Sh. gegeben werden). Mr. Young war nicht zuhause, seine Frau wu├čte aber schon, wohin wir kommen sollten, nemlich nicht zu Ms. Raynes, wo (zu unserer freudigen ├ťberraschung) noch die drei Br├╝der unserer Classe waren, sondern zu Mrs. Bitter, deren verstorbener Mann wahrscheinlich ein Deutscher war, so da├č die Tochter in Neuwied und Holland erzogen und gebildet wurde, sie spricht aber trefflich Englisch. Au├čer diesen Mutter und Tochter ist noch ein Frauenzimmer da, Madame Robiens, deren Vater auch ein Deutscher war. Herr Young bestimmte dieses Kosthaus f├╝r uns aus R├╝cksicht auf einen Wunsch von Dr. Steinkopf, zu dessen Gemeinde die Familie geh├Ârt. Br. Wirns war auch da, und gegenw├Ąrtig herbergen hier: ein schwedischer Geistlicher, der der wenigen schwedischen Einwohner, noch mehr aber der ab und zu gehenden schwedischen Matrosen wegen hier angestellt ist, zwei schwedische Missionare aus Lund, von denen der eine nach China, der andere nach Madagascar oder zu den Gallas gehen will, endlich ein w├╝rttembergischer Candidat der Theologie, der aber anfangs n├Ąchster Woche London verl├Ą├čt, um seine Ausbildungsreise auch nach Nordamerika auszudehnen, Carl G├╝nther aus Heilbronn.

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Am Dienstag Abend wollten wir die drei Br├╝der bei Ms. Rayns gleich besuchen, trafen sie aber nicht, wohnten dagegen einer Versammlung der Br├╝dergemeinde bei, wo insbesondere des Schiffes, das vor 100 Jahren erstmals und seither allj├Ąhrlich den Weg nach Gr├Ânland machte und einen Unfall erfuhr, gedacht wurde, dann Briefe gelesen u Ansprachen gehalten wurden, u. a. auch von Dr. Steinkopf; damit war ein Lebewohl verbunden, in dem Brode und zwei bis dreimal Tasse The einem jeden Anwesenden angeboten wurden. Ich war freilich von der Reise her zu sehr erm├╝det, als da├č ich h├Ątte von diesen englischen Reden viel Gewinn ziehen k├Ânnen. Am Mittwoch VM (d. i. Vormittag) kamen die drei Br├╝der zu uns und wir giengen mit ihnen (she Anfang des Briefes), abends waren sie bei uns, von Mrs. Bitter zum The eingeladen. Am Donnerstag waren wir zuerst allein bei Mr. Young, dann mit Gersthofer und Maser im Missionshause (nicht Islington-College) in Salisbury Square, wo die beiden Secret├Ąre der C. M. S. Mr. Venn u Major Straith von den drei Br├╝dern Abschied nahmen (Herr Venn betete mit uns kniend) und uns sich vorstellen lie├čen. Wir beide bekamen gleich Yorubagrammatik mit W├Ârterbuch (von Crowther) geschenkt mit der Aussicht auf eine baldige Einladung zu Mr. Venn und wohl auch Major Straith. Dann machten wir noch sonstige G├Ąnge in der Stadt mit den drei Br├╝dern, halfen ihnen des Abends einpacken, waren des Abends zum The eingeladen von Ms. Rains, die an sonstigen Kostg├Ąngern Missionar Graf hatte und einen Schullehrer Young, der mit Unterbrechung, 22 Jahre in Sierra Leone gewesen ist und im Fr├╝hjahr dahin zur├╝ckgeht. Nachts hatten wir f├╝nf Br├╝der noch einmal eine Classenkonferenz zusammen.

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Am Freitag fr├╝hst├╝ckten wir eine halbe Stunde b├Ąlder als sonst, um vor 9 Uhr in der Wohnung der drei Br├╝der zu sein, denen wir noch ein wenig halfen, bis alle ihre Sachen auf zwei Gef├Ąhrte geladen waren, in denen wir dann, sieben Personen an der Zahl (Missionar Graf, der nach Sierra Leone zur├╝ckgeht, und Ms. Rains eingeschlossen) zu der Great Western Railway-Station gef├╝hrt wurden. Dorthin kamen auch Bruder Hinderer mit Frau und die englischen Missionare, die ganze Reisegesellschaft, die am 5. Dez. von Plymouth zun├Ąchst nach Sierra Leone abgehen sollte, besteht aus 13 Personen, eine Abreise so vieler auf einmal war der Ms. Rains noch nicht vorgekommen. Wir blieben bis sich der Zug in Bewegung setzte und giengen dann am Hydepark beim Buckingham-Palace, James's Park vorbei (wobei wir eine Abtheilung Grenadiere mit Milit├Ąrmusik vom James's Palace zum Buckingham-Palace ziehen sahen) durch einige der bedeutendsten Stra├čen den weiten Weg zu Ms. Rains und dann in unsere Wohnung zur├╝ck.

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Nun haben wir aber schon den 4. Dez., u noch ist dieser Brief, den wir doch sobald als m├Âglich in Basel w├╝nschten, mit den Bemerkungen f├╝r Frl. Diez nicht fertig. Wir bejammerten es in diesen Tagen oft, da├č wir keine Zeit zum Schreiben finden konnten, besonders auch wegen der hiesigen Zeiteintheilung. Um 9 Uhr morgens ist breakfast, vorher konnten wir heute das erste Mal zum Schreiben kommen, weil wir kein warmes Zimmer und in unserem Schlafzimmer keinen Tisch hatten; beim breakfast bleibt man eine halbe bis eine Stunde sizen, beim dinner, das mit zwei Ausnahmen um 3 Uhr ist, noch l├Ąnger, um 5 Uhr hat man The und um 9 Uhr oder sp├Ąter supper (Butterbrodschnittchen, K├Ąse und Bier).

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Heute hoffen wir, von meinem Freunde Christian Strubel abgeholt, zu Herrn Knollete, Herrn Dr Steinkopf usw zu kommen, und von morgen an eine regelm├Ą├čigere Zeitben├╝zung auch mit Lese- und Sprachstunden bei Mr. Bitter samt den zwei schwedischen Missionaren zu haben. Diesem Briefe werden Sie es freilich wohl anmerken, da├č er nicht in behaglichen Musestunden ordentlich ausgedacht werden konnte, er ist wohl auch zu lang geworden, aber Sie werden mir das zugut halten.

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Von einem Besuch (mit Ch. Strubel) bei Herrn Knollete und einigen anderen G├Ąngen zur├╝ckkommend, wobei uns der Heimweg sehr viel Zeit wegnahm, da wir gerade keinen Omnibus benuzen konnten, mu├č ich nun zum Schlusse eilen. Mr. Knollete beschenkte uns beide mit einer Taschenbibel und den Evangelien Matth├Ąus und Johannes in der Accrasprache von Hansen. Morgen gedenken wir in der Savoychurch zum Hlg Abendmahl zu gehen und uns diesen Abend bei Dr. Steinkopf daf├╝r anzumelden. Die deutsche Gemeinde feiert das Hlg Abendmahl ja am ersten Sonntag des Monats. Sonst wollen wir aber an den Sonntagen die englischen Gottesdienste besuchen.

Sie haben wohl die G├╝te, diesen Brief auch den Br├╝dern mitzutheilen, die wir alle herzlich gr├╝├čen; sie werden bald Bruder Gersts Brief erhalten, den er in Plymouth vollenden und dann uns zuschicken will. Herzliche Gr├╝├če an Frau Pfarrer, Bruder Zuvamba, Ries, Herrn G├╝nzler und M├Ârike, insbesondere aber an Sie mit Ihrer Frau u Kindern von Ihren in Dankbarkeit und Liebe herzlich ergebenen Gottlieb Christaller und A. Steinhauser. (R├╝ckseite): London 1. und 4. Dezember 1852, Gottlieb Christaller A. Steinhauser.

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