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Johann Gottlieb Christallers (ausf├╝hrlicher) Lebenslauf

(25./ 26./ 31. Mai 1847)

BM: BV 357 I 10, vgl. M3,47 G C 1

(Johann Gottlieb Christallers Schilderung seines bisherigen ├Ąu├čeren und inneren Lebens mit der Bitte um Aufnahme als Z├Âgling in die Missionsanstalt zu Basel.)

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Die Art und Weise, wie ich zu diesem Schritte, zu dieser meiner Meldung um Aufnahme in das Missionshaus durch die F├╝hrung des erbarmungsreichen Gottes gekommen, wird sich aus der Darstellung meines Lebens und meiner Verh├Ąltnisse, die ich, unter dem Flehen zum Herrn um Aufrichtigkeit, hier geben will, von selbst ergeben; - ich suche dieselbe m├Âglichst einfach zu fassen.

<2>

Am 4. Nov. 1827 wurde ich, Joh. Gottlieb Christaller hier in Winnenden geboren und darauf durch die H(eilige) Taufe in den Gnadenbund Gottes aufgenommen. Mein Vater, Georg Gottlieb Christaller, dessen ich mich nicht im Geringsten mehr erinnern kann, da er mir schon 5/4 Jahre nach meiner Geburt durch den Tod entrissen wurde, war (im Besitze von etwa 600 fl Verm├Âgen, worunter ein halbes Haus, Anschlag 200 fl, das er vom Vater, einem recht frommen Stundenhalter, als dessen einziges Kind geerbt) in seinem 34.sten Jahr in die Ehe getreten mit meiner noch lebenden Mutter Johanna Christina, Tochter eines B├Ąckers Seibold in dem Dorfe Grunbach, welche vom Austritt aus der Schule an, in der sie nur d├╝rftigen Unterricht genossen, in verschiedenen Diensten, die meiste Zeit in Winnenden, gestanden war, (sie hatte sich dabei 184 fl erspart, bekam dagegen von ihren unbemittelten Eltern gar kein Verm├Âgen) und ins 35. Jahr gieng, als sie sich verheiratheten. Aus dieser Ehe wurden zwei T├Âchter (1820 und 1824) und ich, geboren.

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Mein Vater war Schneider (n├Ąhte haupts├Ąchlich in Kundenh├Ąusern) mit den christlichen Gemeinschaften hier und in der Umgegend wohl bekannt; er mu├č in der Bibel sehr bewandert gewesen seyn und kannte gut die verschiedenen Predigten und Erbauungsb├╝cher, welche er bei Fahrni├čversteigerungen, zu bekommen suchte und sie bei nicht vorher bekannten Leuten auch in weiteren Kreisen als blos der n├Ąchsten Umgegend, verbreitete. Nun ├╝bernahm er aber endlich eine ganze zum Verkauf ausgebotene B├╝chersammlung, worunter nat├╝rlich auch allerlei weltliche B├╝cher, und errichtete so eine Lesebibliothek (von etwa 2000 B├Ąnden). Einst aber, im Febr. 1829, hatte er eine kleine Reise gemacht nach Fellbach und zur├╝ck ├╝ber Waiblingen und das Dorf Neustadt, gegen zwei Stunden von hier, wo ihn, da es schon Nacht geworden und ein tiefer Schnee lag, seine Bekannten zur├╝ckhalten wollten, dennoch machte er sich auf den Weg nach Hause, der Weg war aber keine Stra├čen, er verirrte, gerieth in Weinberge, wo er sich an einem Pfahl das Auge ausstie├č, erkannte ohne Zweifel die Unm├Âglichkeit, weiter oder nach Hause zu kommen, legte sich daher in den Weinbergen an einem geeigneten freieren Orte, sein P├Ąckchen unters Haupt ordentlich nieder, und wurde so, da├č man sehen konnte, er habe sich ganz auf den Tod vorbereitet, erst nach 6 Tagen erfroren gefunden und in Neustadt beerdigt. Schmerzvoll war f├╝r meine Mutter diese Aufl├Âsung ihrer recht friedlichen und gl├╝cklichen Ehe, auch hatte sie nun mit drei unerzogenen Kindern einen harten Stand. Sie weinte in der ersten Zeit wohl viel, und schreibt dem auch meine weiche Gem├╝thsart, in Folge der ich in meinen Kinder- und Knabenjahren h├Ąufig weinte, zum Theil zu. Sie brachte sich durch mit dem Ertrag eines Ackers und G├Ąrtchens, mit Taglohnsarbeiten, dabei auch mit Anleihen von ihrer ihr dienenden Schwester, samt uns Kindern, die sie flei├čig zur Arbeit anhielt und, wie der Erfolg zeigt, durch Gottes Gnade auch in der Erziehung nicht verfehlte.

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Die B├╝cher wurden durch ├Âffentliche Verlosung zum gr├Â├čten Theil ver├Ąu├čert, einige hundert blieben uns noch, wovon die Lesekreuzer uns f├╝r den Bedarf der Haushaltung sehr gut kamen. Auch wir Kinder lasen in diesen B├╝chern, und es mag wohl sein, da├č hiedurch (insbesondere bei meiner ├Ąlteren Schwester) die Ausbildung der uns von Gott geschenkten Verstandesf├Ąhigkeiten bef├Ârdert wurde; denn alle drei nahmen in den Schulen unseres St├Ądtchen die ersten Pl├Ąze ein. So durchlief ich theilweise mit ├ťberspringung von Classen die Deutsche Schule bis zur zweiten unter 6 Classen der vierten und obersten Schule. Ich galt allgemein f├╝r einen Sch├╝ler von besonders guten Anlagen. (O, h├Ątte ich mit diesen Gaben Gottes treuer hausgehalten und sie nicht verderbt und verk├╝mmert!) Au├čer der Schulzeit geno├č ich von dem Hause des damaligen Unteramtsarztes Dr. Truchse├č als fast t├Ąglicher Gesellschafter seines Sohnes manche Wohlthaten, dabei mu├čte ich aber, wenns auf dem Acker etwas zu thun gab, meiner Mutter dort helfen, ja ich sammelte l├Ąngere Zeit mit einem W├Ągelchen auf den Stra├čen den D├╝nger vom Vieh; (ich mu├č um Entschuldigung bitten, da├č ich mit solchen ├äu├čerlichkeiten mich aufhalte, aber ich denke, eine etwas ausf├╝hrlichere Darlegung meines ├Ąu├čeren Lebenslaufes, ehe ich aufs innerliche komme, d├╝rfte doch f├╝r meine Beurtheilung nicht ganz ├╝berfl├╝ssig sein.) In meinen Kinderjahren, noch ehe ich in die Schule gieng, spielte ich mit einem Knaben, den meine Mutter eine Zeitlang als Kostkind angenommen hatte, den Schulmeister und gab auf die Frage: 'Was willst du auch einmal werden?' zur Antwort: 'Ein Schulmeister', meine Mutter glaubte auch, da├č die├č der Wille Gottes sey, nur wu├čte sie nicht, wie die Sache anzugreifen sey, was sie dabei zu thun habe. Doch wie sie vor Eingehung der Ehe und nachher sich und ihre Kinder der F├╝hrung und Leitung Gottes anbefohlen und ├╝bergeben hatte, so vertraute sie auch bei solchen Fragen auf Gott, und sah es sogleich als seine augenscheinliche F├╝rsorge an, als sie im Jahr 1837 der damalige Herr Praeceptor Kieser (seit 5. Juni 1843 Pfarrer in Ettlenschie├č) zu sich rief und ihr erkl├Ąrte, da├č er mich ohne Schulgeld im Lateinischen unterrichten wolle. Nun kam ich, 9 1/2 Jahre alt, aus der Deutschen Schule zun├Ąchst in die Collaboratur-, 1838 in die Praeceptoratsschule; (Lehrer in den Nebenf├Ąchern blieb Herr Collaborator M├╝ller), noch im selben Jahr 1838 legte ich auch bei Herrn Stadtpfarrer Heim (dem jezigen Decan in Tuttlingen) die Anf├Ąnge im Griechischen, worin mich hernach Praeceptor Kieser weiterf├╝hrte; er nahm sich gr├Â├čtentheils mit mir allein diese M├╝he; ich besuchte die Schule noch nach meiner am 2. Mai 1841 stattgehabten Confirmation, bis ich am 4. October 1841 bei Stadtschulthei├č Rathsschreiber und Verwaltungsaktuar Hiemer dahier als Schreiber, nicht ganz 14 Jahre alt, in die Lehre trat; denn von dem Schullehrer Beruf war mir schon lange vielseitig abgeredet worden und wir sahen die neue Stellung, in die ich jetzt eintrat, auch als ein Gl├╝ck, als eine g├╝nstige Schickung Gottes an, weil ich f├╝r die drei Jahre meiner Lehrzeit kein Lehrgeld bezahlen durfte (im Gegentheil noch w├Ąhrend der Lehre noch etwas, zu einigem Ersatz f├╝r Kost, Wohnung, die ich zuhause behielt, erspart habe). ├ťber meine ferneren ├Ąu├čeren Verh├Ąltnisse kann ich nun, ohne zugleich meine inneren Zust├Ąnde mit einzuflechten, nicht f├╝glich reden, weshalb ich nun auf mein inneres Leben vor der Confirmation zur├╝ckgehe.

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Meine Mutter vers├Ąumte an ihren Kindern nichts, was ihr nach dem Grade ihrer Einsichten erforderlich schien, u ich mu├č ihr auch f├╝r ihre Erziehungsweise recht dankbar sein, nach welcher uns so manche Vortheile zukamen vor vielen anderen Kindern, die schon in fr├╝hester Jugend von ihren Eltern k├Ârperlich oder geistig vernachl├Ąssigt werden. Sie lehrte uns fr├╝h die t├Ąglichen Gebete und anderes und hielt darauf, da├č wir etwas lerneten, sah es auch gern, wenn wir Geschichten, die f├╝r Kinder geschrieben sind, und christliche Erz├Ąhlungen lasen und litt das Lesen von Romanen u dergl. nicht. Das B├╝chlein der 2x52 biblischen Geschichten von Stadtpfarrer Heim, als ich noch in der untersten Schule war, zur Belohnung und Aufmunterung mir geschenkt, machte mir gro├če Freude, ich zeigte es meinen Mitsch├╝lern, u schon aus diesem ersten Schuljahre kann ich mich der Freude, anderen mitzutheilen, was ich selbst Gutes gelernt hatte, wie z.B. ein Kinderlied, erinnern; sp├Ąter mu├čte ich ├Âfters meinen Mitsch├╝lern Geschichten erz├Ąhlen, die ich gelesen hatte. Der eigentliche christliche Geist aber waltete in unserem Hause nicht, auch vermag ich in mir kein lebendiges geistiges Leben bis auf mein letztes Schuljahr zu erkennen. Zwar hatte ich ├Ąu├čerlich ein ziemlich sittliches Betragen, wurde von den Leuten gelobt, bekam nur selten in eigent├╝mlichen F├Ąllen den Stecken des Lehrers zu f├╝hlen, konnte wohl, wenn wir die├č zu thun hatten, aus der Predigt besser als andere nachschreiben und unwillig werden, wenn meine Mitsch├╝ler in der Kirche unartig waren, auch von meiner Mutter wurde ich nie eigentlich gestraft, (doch einmal - es ist meine fr├╝heste Erinnerung - bekam ich Schl├Ąge) ja sie sagte einmal zu meiner ├Ąlteren Schwester in meinen sp├Ąteren Jahren, ich habe sie nie beleidigt, was ich freilich nicht f├╝r wahr halten konnte, au├čer ihre Vorliebe f├╝r mich w├Ąre gr├Â├čer gewesen als sie sich kundthat.

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Bei all dem aber, ja mitunter ebende├čwegen nur umso tiefer, lag die nat├╝rliche Verderbnis der S├╝nde in mir u wucherte ungest├Ârt u unentdeckt fort. Denn bei dem ├Ąu├čeren so ziemlich, wie mir d├╝nken mu├čte, geordneten Wesen, bei meinen scheinbaren oder doch nicht im rechten Lichte betrachteten guten Eigenschaften, hatte das Grund├╝bel des Menschen, die von Gott abgekehrte Selbstsucht, reichliche Nahrung u die Eigenliebe, das Wohlgefallen an mir selbst, dr├╝ckte sich manchmal gar deutlich in meinen Gedanken aus, wie ich z.B. bei einer Durchreise des K├Ânigs im Herzen w├╝nschte, er m├Âge nach dem ersten Sch├╝ler der Stadt fragen - als ich gerade noch in der Lateinischen Schule der Erste war. Aber - vielleicht schon damals, ich wei├č es nicht genau - brach das S├╝ndenelend in einer anderen Gestalt bei mir aus, deren Folgen zwar den Hochmuth bald h├Ątten in das Gegentheil verwandeln m├╝ssen, aber zugleich viel sichtbarer den j├Ąmmerlichen Zustand der armen Seele u da├č der Tod in seiner ganzen Furchtbarkeit der S├╝nde Sold ist, dargethan h├Ątten. Die Fleischeslust war es, in deren Sog ich ungef├Ąhr im Jahre 1839 geriet, und der ich hin und wieder im Geheimen fr├Âhnte, bis mir, zum Gl├╝ck schon im Sp├Ątjahr 1840, durch Gottes erbarmende Gnade die 'Warnung eines Jugendfreundes von dem gef├Ąhrlichsten Jugendfeind' von S. C. Kapff in die H├Ąnde kam. Wunderbar ist es mir, da├č dieses Schriftchen in unser Haus kam, woher ich es gar nicht erwartet h├Ątte, ich erkundigte mich jedoch nicht n├Ąher, wem es eigentlich zugeh├Âre; es ist mir genug, da├č ich es als eine F├╝hrung Gottes einsehen kann, die mir und anderen zum ewigen Heil gereichen mu├č. (Als Ursachen des Lasters, wovon in jener Warnung die Rede ist, habe ich anzuf├╝hren: 3. Aufl. S 82. Man lasse ja nicht ... und wovon S 84, inbesondere das Lesen verderblicher B├╝cher, neben dem, was von Mi├čst├Ąnden in der Schule, vorzugsweise dem Mangel an Gotteswort, gesagt ist, - die├č nat├╝rlich nicht zu meiner Entschuldigung, sondern nur zur Verst├Ąndigung aus den ├Ąu├čeren Verh├Ąltni├čen zu.) Uebrigens machte dieses Schriftchen auf mich doch nicht den Eindruck, den es h├Ątte haben sollen, ich erkannte mein Elend noch nicht genug, so da├č es damals schon die v├Âllige Reinigung von S├╝nden und Erneuerung zur Folge gehabt h├Ątte. Ja, so verblendet war ich, da├č ich vor dem Lesen jenes Schriftchens die Unkeuschheit anderer Mitsch├╝ler, welche, wie ich vernahm, sich mit M├Ądchen einlie├čen, sowie etwa unanst├Ąndige Reden, die ich mit anh├Ârte, h├Âchlich verabscheute u mi├čbilligte, u dennoch ungef├Ąhr um dieselbe Zeit ganz f├╝r mich allein Unreinigkeiten aus├╝bte. Die Ursachen, warum ich mir nach dem Lesen der 'Warnung' mein S├╝ndenelend noch nicht aufdecken lie├č, war wohl: noch nicht genug gedem├╝thigter Stolz, Mi├čkennung der Folgen des Lasters auch bei mir, u Vernachl├Ą├čigung meines inneren Lebens, weil meine Zeit theils durch Lernen, theils durch den jugendlich heiteren Umgang mit den S├Âhnen einer hier wohnhaften Wittwe, welche ich wegen der mancherlei anziehenden Spiele und Besch├Ąftigungen, die wir miteinander trieben, sehr h├Ąufig besuchte, theils durch anderes, zu sehr ausgef├╝llt war. Einen Zuh├Ârerunterricht geno├č ich zuf├Ąllig nicht, da gerade auf das Jahr 1841 die Ver├Ąnderung fiel, infolge der ich schon im Fr├╝hjahr statt nach der vorherigen Einrichtung im Sp├Ątjahr confirmiert wurde. Der Confirmandenunterricht, den ich bei unserem lb damal(igen) Stadtpfarrer Heim hatte, war aber nicht ohne Segen bei mir, wie auch die Zeit meiner Confirmation selbst. Es wurden mir damals meine einsamen abendlichen Spazierg├Ąnge im stillen Wiesenthal, bei denen ich um meine Begnadigung u Erneuerung flehte u die Seligkeit des Betens, des Umgangs mit dem Heiland f├╝hlte, die Freundlichkeit u Erbarmung Gottes zu schmecken bekam, recht zum Bed├╝rfni├č. Bei der Confirmation war der H(eilige) Geist an meinem Herzen wirksam u ich f├╝hlte mich damals recht von seinem sanften befestigenden Wehen ergriffen, aber klar bewu├čt wurde ich meiner Kindschaft Gottes, der v├Âlligen Vergebung meiner S├╝nden nicht, u nach u nach verlor sich, was mich tief schmerzt, auch die Erinnerung an das, was vor, bei und kurz nach der Confirmation mir ans Herz gelegt worden war, bis auf die Wehmuth, welche ich schon vormittags bei der Confirmation empfunden, und die mich die Nachmittagspredigt (sie war ├╝ber 1. Tim. 6, u. 12), als das Wirken des H(eiligen) Geistes betrachten lehrte, au├čerdem an jene seligen Gebetsg├Ąnge u das Niederknien an gewohntem Orte. Doch gelobt sey mein barmherziger Gott u Heiland, da├č er troz meiner gro├čen Untreue u meinem schn├Âden Undank doch seine Treue nicht hat aufh├Âren lassen, sondern stets aufs neue wieder mich zu sich zu ziehen gesucht, und nun auch bei mir den Sieg davon getragen hat. Auf dem Rathhause zu Winnenden trat ich am 4. Oct. 1841 in ganz neue Verh├Ąltnisse ein, gewann Freude am Gesch├Ąft u lie├č mich so gut an, da├č mein Prinzipal nach 4 1/2 Monaten einen Gehilfen durch mich entbehrlich gemacht glaubte. Von dieser Zeit an, (vor meinem Eintritt war ein Lehrling noch neben dem Gehilfen) lag fortw├Ąhrend eine gro├če Gesch├Ąftslast auf mir, welche immer mehr meine ganze Zeit in Anspruch nahm; im Mai 1843 kam noch ein Lehrling, aber da ich die Verwaltung und Pfandgesch├Ąfte selbst├Ąndig zu besorgen hatte, lag mir auch seine Besch├Ąftigung ob, u hatte ich die Verantwortlichkeit f├╝r seine Arbeiten, was beides soviel auf sich hatte, da├č sein Dasein mir durchaus nicht zur Erleichterung meiner Gesch├Ąfte gereichte. So wirkten verschiedene Umst├Ąnde zusammen, da├č ich, obwohl ich fortw├Ąhrend Lust u Freude am Gesch├Ąft behielt, doch die Last immer dr├╝ckender wurde, u die├č umso mehr, da ich auch in den Sprachen u anderen Schulkenntnissen mich fortw├Ąhrend ├╝ben sollte. Denn haupts├Ąchlich durch andere Personen, die an meinem Wohlergehen, freilich haupts├Ąchlich nur in irdischer Hinsicht, Antheil nahmen, war ich, mit Schwestern u Mutter bestimmt worden, ich solle studiren (ich gedachte, beim Verwaltungsfach, das ich als Hauptfach in meinen Rathhausgesch├Ąften liebgewonnen, zu bleiben, also die├č auch auf der Universit├Ąt; die Geldmittel h├Ątte ich von dem Erl├Âs aus dem verkauften Acker, von dem was meine Schwestern erspart haben, nachdem Schulden aus fr├╝herer Zeit theils durch ihren Erwerb, theils durch Erbschaft meiner Mutter getilgt worden sind. Auch eine Schwester meiner Mutter u andere Leute w├Ąren zu Darlehen f├╝r mich erb├Âtig) und obwohl ich stets der ├ťberzeugung war, da├č ich auf einer niedereren Stelle wohl mehr Gutes wirken u gl├╝cklicher sein k├Ânnte, als auf einer h├Âheren, arbeitete ich doch auf jenes Ziel hin, d.h. ich behielt es immer im Auge, da├č ich das philosophische Examen oder die akademische Vorpr├╝fung, die zum Besuch der Universit├Ąt erm├Ąchtigt, aber auch ohne solchen Vortheile gew├Ąhren kann, erstehen solle.

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Das Ganze, was ich eigentlich von diesen Lehrjahren zu sagen habe, ist, da├č sie mir recht zur Leidens- und L├Ąuterungsschule gemacht wurden, in der mir, wie der Druck der nie recht aufs Laufende zu bringenden Gesch├Ąfte in ihrer immer gr├Â├čer werdenden Manchfaltigkeit und der sonstigen ├Ąu├čeren Verh├Ąltnisse, so, durch jenen Druck mein S├╝ndenelend, meine Hilfsbed├╝rftigkeit recht f├╝hlbar ward, wobei ich denn f├╝r dieses wie jenes Hilfe einzig bei Gott und dem Heiland zu suchen getrieben wurde. Es kam auch soweit mit mir, da├č ich mich durch die vergebende Gnade u Freundlichkeit meines Heilandes den Schmerz stillenden Gebetsumgang mit ihm, ganz selig f├╝hlte. Lieder wie: 'Ach, mein Herr Jesu, wenn ich Dich nicht h├Ątte', 'Ach mein Herr Jesu, Dein Nahesein', 'Meine Armuth ist nicht auszusprechen', und dann noch eins 'Ringe recht, wenn Gottes Gnade' waren meinem Seelenzustand ganz angepa├čt und mir k├Âstlich; die Erinnerung an die innige Zusage, mit der ich 'Dir ergebe ich mich, Jesu, ewiglich', so gerne sang, gereichte mir sp├Ąter oft zum Anker, diese Hingabe aufs neue zu vollziehen u endlich fest zu machen. Den H├Âhepunkt hatte jene selige Zeit im Fr├╝hjahr 1844, wo ich des g├Âttlichen Lebens nun theilhaftig geworden zu sein glaubte u mir bange u ungewi├č war, wie ich es w├╝rde best├Ąndig bew├Ąhren k├Ânnen, u welcher Art das Wachsthum in der Gnade seyn solle. (Auch meiner jubelnden Freude in der Neujahrsnacht, drau├čen auf schneebedecktem Felde, kann ich mich wohl erinnern.) Es st├╝(t)zte sich zwar diese Seligkeit wohl zu sehr auf dem Gef├╝hlswesen, die Erkenntni├č war nicht klar u gel├Ąutert genug, doch sah ich u sehe ich jezt noch diese Zeit, mehr als die Confirmationszeit, f├╝r die der ersten Liebe an, in welcher ich eben nicht treu beharrte; denn - und die├č ist wohl ein Hauptpunkt, warum ich solange nicht zur Glaubensgewi├čheit und Best├Ąndigkeit durchdrang - ich sch├Âpfte zu wenig die Nahrung unmittelbar aus der Hlg. Schrift, mit deren Schale u Geschichte ich zwar so ziemlich bekannt war, aber sie zu recht gr├╝ndlicher Forschung vorzunehmen, fehlte es mir an Zeit, obwohl ichs mir ├Âfter vorgesezt hatte, kam es durch meine Tr├Ągheit nie eigentlich zur Ausf├╝hrung; auch konnte ich die Evangelien nicht so recht f├╝r mich ausbeuten, und die Briefe waren mir an bereits v├Âllig glaubige Gemeinden geschrieben; daher suchte ich die Wahrheit u den Heilsweg mir anzueignen aus verschiedenen anderen Schriften, durch Lieder, indem ich eine Menge sch├Âner u trefflicher Bus- und anderer Lieder lernte u nach Umst├Ąnden aufschrieb, die mir auch einen Theil des Stoffs f├╝r mein Hezrensgespr├Ąch auf einsamen Erholungsg├Ąngen, abgaben. Aber, wie gesagt, ich verlie├č wieder die erste Liebe, insoweit ich sie hatte, indem ich es an der t├Ąglichen Erneuerung fehlen lie├č, geriet wieder in ungewissere, unselige Zust├Ąnde, lie├č es doch mir gesagt seyn: 'Kehre wieder, kehre wieder, der du dich verloren hast ... ', fand aber den Frieden mit Gott noch nicht; in einem gr├Â├čeren Liede: 'Der geheime Bann' fand ich einen ziemlich getreuen Ausdruck meines schwankenden Zustands, es hei├čt darin: 'Du Herz voll Liebe, meine Tage verschwinden mit dem Strom der Zeit, u immer seufz ich u beklage des Herzens Unbest├Ąndigkeit! Soll ich mein Leben so verk├╝mmern, so fern von Deinem Lichte stehn, u im Beweinen edler Tr├╝mmer am Ende noch verloren gehn?' aber die v├Âllige Uebergabe des Herzens an Jesum, um den Bann entfernen zu lassen, fand noch nicht statt. Dieser unselige Zustand u mein unergr├╝ndliches Verderben wurde mir aber aufs neue und in h├Âherem Grade f├╝hlbar, nachdem ich im Sommer 1845 einsmals beim Baden aus den th├Ârichsten u elendesten Gr├╝nden wieder meine in den Schuljahren erlernte S├╝nde aus├╝bte u nachdem ich auch die verderblichen Folgen hievon und von jenen alten Vers├╝ndigungen immer mehr einsehen gelernt hatte. Von da begann erneutes ernstlicheres Ringen nach Gnade, u ich fand sie auch wieder durch anhaltendes Gebet; doch nach meiner jezigen Erkenntni├č glaube ich das eben Gesagte wenigstens nicht im vollen Sinne aussprechen zu k├Ânnen, denn meine Freude an recht evangelischen Predigten, B├╝chern u Liedern, die mir geistige Nahrung darboten, an allem das Reich Gottes f├Ârderlichen, mein Verlangen u Wunsch, auch andere dem Heiland zuzuf├╝hren - mein sittliches u ernstes Betragen glaube ich kaum als Kennzeichen ├Ącht christlichen Sinnes erw├Ąhnen zu d├╝rfen - befriedigten mich immer noch nicht, die Gebetsstunden, in denen ich Thr├Ąnen der Freude u s├╝├čen Wehmut weinen konnte, w├Ąhrend sonst nichts von Herzen mich erfreute - (auf dem Rathhaus sagte einst die Amtsbotin, die w├Âchentlich dreimal, fr├╝her t├Ąglich je zweimal kam, als ich bei irgendeinem Anla├č m├Ą├čig lachte: Jezt sehe sie mich doch auch einmal lachen, sonst sey ich immer so traurig) - auch jene einzigen Freudenquellen, die Stunden, in denen mich der barmherzige Heiland seine Freundlichkeit u Liebe gegen mich unw├╝rdigen S├╝nder f├╝hlen lie├č, sehe ich jezt nur als Angeld der vollen Vergebung als Lockungen von ihm an, u als solche waren sie ja doch wohl preis- und dankensw├╝rdige Gnade. Das f├╝hlte u wu├čte ich wohl, da├č ich nun in Jesu Leben u volles Gen├╝ge finden k├Ânne, wenn ich gl├╝cklich werden wolle, aber es kostete einen so gar langen Kampf, bis ichs erreichte.

<8>

Doch nun komme ich vorerst auf das, wie der Gedanke Missionar zu werden, in mir entstanden ist. Des ersten Helfers hier in Winnenden, Hrn Josenhans Predigten h├Ârte ich von jeher gern, weil sie vom Herzen und zum Herzen gehen, u die Wahrheit seines Wortes, worin sich der H(eilige) Geist mit seiner Kraft beweist, auch an meinem Herzen sich geltend machte. Die besonderen Wirkungen auf mein Herz von demselben will und kann ich hier nicht untersuchen, sie waren bei mir nicht so auffallend, aber auch die Vortr├Ąge aus dem Missionsgebiet, die derselbe zuweilen hielt, h├Ârte ich gar gerne. In einer solchen Missionsstunde sprach er nun auch die Bitte von Gott aus, da├č auch aus unserer Gemeinde ein Heidenbote m├Âchte ausgesandt werden k├Ânnen; die├č Wort drang in mein Herz, so wie man einen minder heftigen Schreck, aber doch bis in die Glieder, versp├╝rt, ich dachte: 'Der k├Ânnte ich seyn', es lag aber dabei in mir der Gedanke an meine Tauglichkeit dazu wegen meiner Ungebundenheit an nothwendige Verh├Ąltnisse, ja sogar ein mir jezt seltsam vorkommender Hochmuthsgedanke, da├č dieser eine ich seyn k├Ânnte. Doch dachte ich nicht l├Ąnger dar├╝ber nach, aber sp├Ąter bekam der Gedanke immer neue Nahrung, und als wir ums Fr├╝hjahr 1846 die 'Heidenboten' vom Jhrg 1845 ins Haus zum Lesen bekamen, sprach sogar meine j├╝ngere Schwester selbst den Gedanken aus, da├č ich auch Missionar werden k├Ânnte. Diese zuvorkommende Rede war mir sehr merkw├╝rdig, auch meine ├Ąltere Schwester und Mutter erkannten die Thunlichkeit oder die M├Âglichkeit der Ausf├╝hrung eines etwaigen Entschlusses, und h├Ątten eigentlich nichts dagegen zu erinnern gehabt, wenn es der Wille Gottes seyn sollte, au├čer da├č dem Mutterherzen die Trennung jedenfalls w├╝rde schwer fallen; sp├Ąter meinten sie manchmal wieder, christlich gesinnte Beamte k├Ânnte man in unserem Lande wohl brauchen, ich d├╝rfte also doch lieber bleiben. Ich bemerke hier, da├č in unserer Familie, die fast immer ungetrennt zusammen war, (meine Schwestern machen Kleider u geben N├Ąhuntericht) mit der Zeit das christliche Leben immer mehr durchgedrungen u entwickelt worden war, vorzugsweise bei meiner zweiten Schwester, die, wie ich, eine stillere Gem├╝thsart hatte. Durch jene Besprechung haupts├Ąchlich bestimmt, gieng ich endlich zu Helfer Josenhans, bei dem ich schon fr├╝her Zutritt gefunden u einige Male mit ein paar Freunden belehrende Unterhaltung gehabt hatte, u sprach, aber mit beklommenem Herzen, meinen Wunsch, Missionar zu werden, aus. Er gab mir keinen weiteren Antrieb, nur Belehrung, insbesondere die, recht darum zu beten, da├č mir der Wille Gottes kund u gewi├č werde. Ich befolgte freilich diese Ermahnungen nicht treu genug. Sp├Ąter bei einem Missionsfest zu Waiblingen erw├Ąhnte Josenhans, da├č sich in der letzten Zeit sechs junge Leute mit dem Wunsch Missionar zu werden, gemeldet h├Ątten, wovon aber einer seiner Sache noch nicht gewi├č sey, oder so etwas; ich selbst war nicht in Waiblingen, aber meine Schwestern; nicht nur sie, sondern auch einzelne andere, die etwas von mir wu├čten oder mich kannten, bezogen jene ├äu├čerungen ├╝ber den Einen auf mich (mit Recht), und infolge davon kam einer von denen, die sich gemeldet hatten, zu mir; wir giengen mehrere Abende miteinander spazieren, ich konnte jedoch nicht recht offen gegen ihn seyn, er war j├╝nger als ich, schien mir manches Schw├Ąrmerische u Unlautere zu haben, u ich war gewisserma├čen froh, als er (er war Schneidergeselle) von Winnenden wegkam, u ich meine G├Ąnge wieder alleine machen konnte. (Sp├Ąter, als ich wieder mit ihm zusammentraf, w├Ąhrend er in Waiblingen in Arbeit stand, von wo wir auch miteinander auf das Missionsfest 1846 nach Stuttgart giengen, meinte er, bei ihm und den vier anderen, die sich damals gemeldet, werde nichts draus werden, aber gerade mir werde es gelingen.) Doch war ich vorher mit ihm abends einmal zu Josenhans gegangen; dieser suchte haupts├Ąchlich meinen Freund von seinen ungenauen u irrigen Gedanken abzubringen u fragte ihn unter anderem, ob er auch der Vergebung seiner S├╝nden gewi├č sey? Diese Frage h├Ątte auch ich nicht mit Ja beantworten k├Ânnen, de├čhalb flehte ich in hei├čem Gebet u tiefem Schuldbewu├čtsein um diese Gewi├čheit, worauf mit sanfterer Stimme es in meinem Herzen hie├č; 'Stehe auf, mein Sohn, deine S├╝nden sind dir vergeben'. Die├č erf├╝llte mich mit Trost u gro├čer Freude, doch konnte ich sp├Ąter wieder mich nicht mehr daranhalten u es ward mir zweifelhaft, ob nicht diese Stimme doch von mir selbst herger├╝hrt habe. Ich fand den Frieden noch nicht v├Âllig; es gab wieder K├Ąmpfe, ja, Gott sei Dank daf├╝r, noch tiefere und herbere.

<9>

Hier schalte ich jedoch wieder einiges ├╝ber die ├Ąu├čeren Verh├Ąltnisse ein. Als meine Lehrzeit am 4. October 1844 zu Ende war, blieb ich bei Stadtschultheis Hiemer noch l├Ąnger als Gehilfe. (Vom 15. Juni 1844 an hatte ich unentgeldlich die Kost bei ihm, sp├Ąter aber, vom 4. October 1845 an, wieder zuhause.) Ich hatte im Sinn (auch meiner ├Ąlteren Schwester besonders war daran gelegen), m├Âglichst bald auszutreten, um mich auf das philosophische Examen vorzubereiten. De├čhalb nahm Hiemer einen anderen Gehilfen neben mir an, mu├čte ihn aber (Ende Novbrs 1844) nach 14 Tagen wieder fortschicken, u nahm erst am 7. Juli 1845 wieder einen neuen Gehilfen; als aber die Gesch├Ąfte soweit erledigt waren, da├č Einer h├Ątte fertig werden k├Ânnen, trat auch dieser auf den 11. Novbr 1845 wieder aus, u ich mu├čte noch l├Ąnger beharren, bis ich endlich im Juli 1846 austreten konnte, aber dennoch blieb mir nebenher noch ein besonderes Gesch├Ąft zu vollenden. Nun wiedmete ich mich wieder dem Lernen. Das Lateinische hatte ich in der verflossenen Zeit nur d├╝rftig fortsezen k├Ânnen, das Griechische, welches ich statt dem ganz aufgegebenen Franz├Âsisch, ungeachtet der gr├Â├čeren Schwierigkeit, aber mit Hinsicht auf die M├Âglichkeit des Eintritts in das Missionshaus w├Ąhlte, war 4 1/2 Jahre brach gelegen, ich mu├čte es von vorne wieder durchmachen. Die Studien giengen bei manchfacher Unterbrechung nicht nach Wunsch von Statten, ich glaubte l├Ąngere Zeit, schon das Fr├╝hjahrs Examen im April 1847 machen zu k├Ânnen, sah aber bald ein, da├č ich's nicht weit genug in den verschiedenen F├Ąchern bringe u mich gar nicht zu melden brauche, aber auch f├╝r den Fall, da├č ich das Examen erst├Ąnde, gl├╝cklich erst├Ąnde, hatte ich stets auf eine wenn nicht vorher noch doch nachher mir werdende Gewi├čheit hinsichtlich des Missionsberufes gehofft. Auch in diesen Zur├╝ckhaltungen u Vereitlungen meiner Absichten u in der Hinausschiebung der Entscheidung ├╝ber mein k├╝nftiges Leben glaube ich, wie in manchem ├ähnlichen, die Hand Gottes erkennen zu m├╝ssen. Zur Zeit meines Austritts aus den gew├Âhnlichen Gesch├Ąften auf dem Rathhaus stellten sich bei mir wieder, sooft ich anhaltend, besonders sizend, schreiben wollte, Schmerzen in den Achselbeinen auf dem R├╝cken ein, die ich schon fr├╝her oft l├Ąngere Zeit infolge der etwas gebeugten Stellung beim Schreiben, besonders bei Eintr├Ągen in die gro├čen Unterpfandsb├╝cher empfunden hatte, u wovon ich f├╝r eine Mitursache das Wachsen halte. Dieser Tathbestand hinderte mich an Vollendung dieses r├╝ckst├Ąndigen Gesch├Ąfts auf dem Rathhaus, trug auch zu dem mindergedeihlichen Fortkommen meines Lernens bei.

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Au├čer diesem Leiden trat aber noch eine weitere Z├╝chtigung des Herrn ein, als sich im Novbr 1846 das nat├╝rliche Geschlechtsleben des Leibes entwickelte, wo es mir schien, als ob sich die fr├╝heren Eingriffe in dasselbe r├Ącheten, so da├č ich durch leiblichen u geistigen Jammer mehr als je zuvor niedergedr├╝ckt, aber auch zu ernsterem Suchen des Einen nothwendigen Heilmittels gegen mein tiefes Verderben getrieben wurde. Doch von den Tagen des Christfestes an wurde ich frei von den fleischlichen Beschwerden oder Anfechtungen u den Unregelm├Ą├čigkeiten im Gange des leiblichen Lebens - ich bin gewi├č gr├╝ndlich u f├╝r immer von aller Unkeuschheit gereinigt u geheilt - in der ersten Zeit des Januars war ich besonders gl├╝cklich u selig in dem Herrn u mehr vielleicht als sonst von seiner Liebe erf├╝llt, aber besonders gesegnet waren mir, nachdem ich flei├čiger als sonst im Worte Gottes gelesen hatte, und mir besonders auch zwei Predigten von Wesley wichtig geworden waren, die Tage vor u nach meinem Gang zum H(eiligen) Abendmahl am 21. Febr. 1847. Auf die seligen Zeiten folgten inde├č auch wieder d├╝rre u trockene, insbesondere hatte ich noch viel mit dem eigentlichen Unglauben zu k├Ąmpfen, der, je mehr er von Bundesgenossen entbl├Âst ward, desto unverh├╝llter entgegentrat. So hatte ich vor einigen Jahren schon aus einem Buche 'Ursprung des Cultus' den Anfang eines Hauptst├╝cks 'Erkl├Ąrung des Mythus der unter dem Namen Christus angetretenen Sonne' gelesen. Mit den Einw├╝rfen gegen die Aechtheit der B├╝cher des neuen Testaments war ich auch bekannt u besonders beunruhigten mich die anscheinenden Widerspr├╝che in den Evangelien, in dem, was von der Zeit nach der Auferstehung Christi erz├Ąhlt wird, da├č gerade die Apostel Matth├Ąus u Johannes von der Himmelfahrt nichts sagen u zudem der Schlu├č des Evangeliums von Marcus verd├Ąchtig ist. Ja, solchen u andern von der Vernunft, die solange sie unerleuchtet, eine Gottesl├Ąugnerin ist, aufgest├Ârten Zweifeln w├Ąre ich vielleicht unterlegen, h├Ątte mir nicht mein gro├čes S├╝ndenelend das Evangelium von Jesu Christo, dem S├╝hner unserer S├╝nden, unserem Vers├Âhner u Erl├Âser theuer u werth gemacht. Ich danke aber Gott, da├č er mich die heilige Schrift als sein Wort im Glauben ergreifen, mir gewi├č werden u manches fr├╝her mir anst├Â├čig u widersprechend erschienene immer mehr aufgehellt werden l├Ą├čt. In dem Verlauf des die├čj├Ąhrigen Fr├╝hlings sah ich ein Bild meines geistigen Lebens in dieser Zeit: Auf sch├Âne Tage, die das Eintreten des Lenzes hoffen lie├čen, folgten wieder kalte; den stets aufs neue mich anfassenden Zug des Vaters zum Sohne erkannte ich wohl, seine Gnadenerwei├čungen u das Wehen oder Wirken seines Geistes verkannte ich nicht, deshalb stellte ich mir einigemal vor, da mein barmherziger Gott u Heiland f├╝r seine Treue u mir bewiesene Liebe doch endlich v├Âllige Hingabe an ihn u rechtschaffene Fr├╝chte der Buse erwarten k├Ânnte, da├č er im vollen Rechte w├Ąre, wenn er, unter Aufhebung des Taufbundes, sein Angesicht von mir wendete, mich verdorren lie├če wie den unfruchtbaren Feigenbaum, an dem er nur Bl├Ątter fand; aber eben weil mein Sch├Âpfer u Erl├Âser mit so gro├čer Langmuth u Geduld soviel schon an mir gethan hatte u ein aufrichtiges herzliches Verlangen nach dem Antheil an Jesu Christi Verdienst durch seinen Geist in mir gewirkt ward, wu├čte ich es, da├č auch bei mir der Fr├╝hling nicht ausbleiben k├Ânne, u jezt glaube ich, da├č er da ist. Wie ich so vieles in meinem bisherigen Leben als F├╝hrung u Schickung ansehen kann, so da├č ich fast glauben m├Âchte, er habe einzig jene bestimmte S├╝nde fallen lassen nur um mich retten zu k├Ânnen u mit mehr Liebe zu erf├╝llen, - denn, wem viel vergeben ist, der liebet viel, und der 'S├╝nderin' Maria erschien ja der Heiland zuerst - ebenso sehe ich auch das Kommen des Herrn Inspectors Hoffmann zu Hrn Helfer Josenhans, gerade als ich mich bei lezterem befand, daf├╝r an; denn immer hatte ich noch keine Gewi├čheit, ob ich mich, nach dem Willen Gottes, um die Aufnahme unter die Missionsz├Âglinge melden solle; solange hatte ich sie nicht, als ich mir bewu├čt war, Jesum u sein Verdienst noch nicht im rechten Glauben ergriffen zu haben, von meinen S├╝nden noch nicht v├Âllig durch ihn gereinigt zu seyn.

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Da ich nun wu├čte, da├č die Entscheidungen erst im Juli oder August erfolgen, so dachte ich bis dahin immer, es habe schon noch Zeit zur Meldung, die ich machen wolle, sobald der Herr sich meiner erbarmt u mir Gewi├čheit geschenkt. Als aber Herr Hoffmann auf meine kurze Er├Ârterung ├╝ber die Worte des Herrn Josenhans erwiderte, es sey die├č ja schon zu sp├Ąt, da bis 31. Mai der Meldungstermin zu Ende sey, betr├╝bte mich zwar die Vereitlung meiner Hoffnung, doch dachte ich sogleich 'es war also eben der Wille Gottes nicht, da├č ich in diesem Jahr aufgenommen werden solle'; w├Ąhrend des Nachhausegehens, als ich mir gleichsam diesen Gedanken wiederholte, fiel mir pl├Âtzlich ein, wenn die Frist bis 31. Mai offen sey, so sey sie ja jezt, am 28. Mai noch nicht verstrichen; ich erkannte sogleich die gn├Ądige Leitung Gottes in der Sache, aber f├╝hlte auch, da├č die Bedingung, von der mein fester Entschlu├č abhing, noch nicht erf├╝llt sey; so wurde ich an jenem Donnerstag, wie auch Freitags Morgen nur aufs neue in Reue u S├╝ndeleid eingef├╝hrt, aber an demselben Morgen erlangte ich auch nach anhaltendem Gebet eine solche Glaubensfreudigkeit, da├č Leib u Seele dar├╝ber fr├Âhlich und dankbar war. In ├╝berstr├Âmender Freude las ich den 116. Psalm: 'Das ist meine Wonne, da├č der Herr meine Stimme u mein Flehen h├Ârt', betrachtete wiederholt jeden Vers, weil jeder mir aus der Seele gesprochen war u der Psalm wie f├╝r mich gemacht schien; schon vorher, als ich diesen Psalm einmal las, hatte ich gewisserma├čen eine Ahnung, da├č ich in ihn noch recht freudig werde einstimmen k├Ânnen, u nun f├╝hlte ich meine Bande durch den Herrn zerrissen, das Gel├╝bde, zum Dank f├╝r meine Errettung mich des Herrn Dienste zu weihen, wenn er mich dieser hohen Gnade, seinen Namen verk├╝ndigen zu d├╝rfen, w├╝rdigen w├╝rde, lag ja l├Ąngst mir im Herzen, mochte ich es in meinem Gebeten aussprechen oder nicht. Ich besch├Ąftigte mich vor- u nachmittags noch weiter mit der Bibel u fand eine solche Freude daran, da├č ich die Gewi├čheit bekam, auch der best├Ąndige Umgang mit dem Worte Gottes k├Ânne es nie ersch├Âpfen, noch je mir entleiden. Aus den Psalmen hatte ich mir insbesondere Ps. 51 angeeignet, schon fr├╝her u vieles aus anderen Buspsalmen, nun aber sind mir auch viele Lobpsalmen, in die ich von Herzen einstimmen kann, liebgeworden. In den Tagen von jenem Freitag Morgen - obwohl dazwischen hinein meine Schlaffheit, Tr├Ągheit und kein Ende nehmende Untreue ja auch wieder auftauchende Zweifel mir schmerzhaft wurden, gegen welch letztere Anfechtungen des Satans ich aber einfach zum Heiland im Gebet meine Zuflucht nahm, u mit ihm auch siegte, - lernte ich es, in vertrauensvollem, von Gottes Geist gewirktem Glauben hinnehmen, da├č wirklich durch Jesum Christum u seinen Tod am Kreuz aus Liebe zu uns auch meine Vers├Âhnung zustande gebracht ist, ich konnte einen Blick thun auf das Erl├Âsungswerk nicht blos an seiner Offenbarwerdung in der Zeit, sondern im Lichte der Ewigkeit betrachtet, ich begann die Ausdr├╝cke: vorgesehen, verordnet, auserw├Ąhlt zur Seligkeit, wie: 'Gott hat uns durch Christum erw├Ąhlet, ehe der Welt Grund gelegt war, da├č wir sollten seyn heilig und unstr├Ąflich vor ihm in der Liebe' - als auch auf mich anwendbar verstehen, nur konnte ich das jezt kaum glauben, da├č auch gerade ich, ich armer unw├╝rdiger S├╝nder, der nichts eigenes hat als Elend u J├Ąmmerlichkeit, begnadigt, ja nicht nur zur Heiligkeit u Seligkeit, sondern auch zur Herrlichkeit bestimmt seyn solle, w├Ąhrend so unz├Ąhlige, nicht nur Heiden, sondern Christen dem Namen nach, ohne ebendiese Begnadigung ungeachtet sie sie haben k├Ânnten, dahinleben, so da├č man ihre Verdammung bef├╝rchten mu├č. So waren mir das Pfingstfest u der Pfingstmontag besonders recht gesegnet; ich f├╝hlte zwar nicht etwa wieder eine innere, bestimmte oder ausdr├╝ckliche Versicherung meiner S├╝ndenvergebung, w├╝nschte sie wohl aber, erwartete sie auch nicht, so versp├╝rte ich einen ├Ąhnlichen au├čerordentlichen Ruck in meinem geistigen Leben, aber doch gieng eine wichtige Ver├Ąnderung gewi├č u wahrhaftig in mir vor, es fand ein wirklicher Fortschritt statt, ich lernte den Glauben v├Âlliger in seiner kr├Ąftigen u wahren Art in mich aufnehmen, mit vollem Herzen u fast ganz klarem Verst├Ąndnis las ich die wichtigsten Stellen in dem Neuen Testament, so auch das 1. Kapitel des Eph. Briefes, das 53. Kap des Jesaja, unter dankbarem u freudigen Gebet, u warf mich meinem treuen u erbarmungsreichen Vater u Erl├Âser vertrauensvoll in die Arme, bat ihn, seinen heiligen gro├čen Namen an mir u durch mich zu verherrlichen. Ja wenn ich auch eine v├Âllige Pfingstbescheerung erst erwartete, mu├č ich doch glauben, da der heilige Geist mir gegeben ist, ich f├╝hle es an der Liebe, die ausgegossen in meinem Herzen, an den Fr├╝chten, wie sie z.B. Gal. Brief 5,22 beschrieben sind, die er in mir gewirkt hat. Ich sah jezt wahrhaftig nicht mehr ein, was noch l├Ąnger bei mir im Wege stehen sollte, die Heilswahrheiten des Evangeliums, den wesentlichen Inhalt des geschriebenen Wortes Gottes, den ich schon l├Ąngere Zeit mit dem Verstande kenengelernt, auch ins Herz aufzunehmen. Darum glaube ich ganz einfach, alles, was uns von der Gnade Gottes in Christo, die uns unter der Vermittlung des heiligen Geistes zu Theil wird, der offenbart ist, nehme sie mit Dank u Freude an, u habe so, gerechtfertigt aus dem Vers├Âhnungstod des Auferstandenen, Frieden mit Gott durch ihn, unsern Herrn Jesu Christ, der mich auch stets weiterf├╝hren, tiefergr├╝nden wird durch seinen Hlg Geist in seiner Erkenntnis u in der Gemeinschaft mit Gott, in der wir allein selig seyn k├Ânnen. Ja, m├Âge ich einst in der lezten Stunde meines Erdenlebens zu dem Bekenntni├č: 'Ich bin ein armer S├╝nder' hinzusezen k├Ânnen: 'Jesus Christus hat mich selig gemacht!' Wollte mir meine Vernunft noch mit Gr├╝beleien u Zweifeln kommen, so giebt das mir Sieg u Trost, da├č ich die Wahrheit des g├Âttlichen Wortes deutlich an meinem Herzen erfahren habe, u da├č mit diesem Wort Gottes u meinen Erfahrungen auch die aber Glaubigen zu allen Zeiten u von verschiedenen Religionspartheien in allem Wesentlichen ├╝bereinstimmen. Alle Gottesverhei├čungen sind ja in ihm, dem Sohn Gottes, Jesus Christus und sind Amen in ihm, Gott zu Lobe durch uns! Das ist mir kaum begreiflich, wie ich insbesondere bei meinem keinerlei Selbstgerechtigkeit oder Selbstzufriedenheit Raum verstattenden Schuldbewu├čtsein, u bei der Unm├Âglichkeit einer anderen Rettung so lange Bedenken tragen konnte, zuzugreifen u das Evangelium als die Gotteskraft, die mich auch selig macht, anzunehmen.

<12>

Nun, da├č Jesus Christus, gekommen in die Welt, die S├╝nder selig zu machen, auch mich selig macht, der ich verloren, in S├╝ndentodt, dem ├Ąu├čerlich sittlichen Urtheil nach schon ein S├╝nder vor anderen bin, wegen der Verderbung u Verschleuderung der mir anvertrauten Gaben u Pfunde, meiner unglaublichen Untreue u doch dabei der unergr├╝ndlichen Selbstsucht u dem Stolz, ├╝berhaupt nach meinem ganzen Wesen u Seyn mich wohl den vornehmsten S├╝nder nennen mu├č. Daf├╝r kann ich ihm, meinem lb Herrn nicht besser danken, als in dem ich mein ganzes Leben u alles was ich bin u habe, von ihm ja habe, auch seinem Dienst durch Hergebung zu einem Werkzeuge an meine Mitmenschen u Miterl├Âsten widme.

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Dieses ist der Hauptgrund, warum ich zu einem Missionar ausger├╝stet zu werden w├╝nsche und demgem├Ą├č auch um Aufnahme in das Missionshaus zu Basel bitte. Aber wir haben ja auch den ausdr├╝cklichen Befehl: 'Gehet hin u lehret alle V├Âlker', und da das Evangelium gepredigt werden soll in der ganzen Welt, bevor das Ende kommt, m├╝ssen auch wir als Glieder des Leibes Christi, durch die Er als das Haupt jenes Werk ausf├╝hrt, uns dazu hergeben, wenn wir die Vollendung des Reiches Gottes auf Erden w├╝nschen. Meine Unt├╝chtigkeit zu dem hohen seligen Berufe, ein Friedensbote unter den Heiden zu seyn, so wie ich jezt noch bin, sehe ich wohl ein u habe sie bei Versuchen, andere auf das Eine Nothwendige hinzuf├╝hren, die ich bei meiner Menschenfurcht u Bekenntnisscheu nur an einzelnen wenigen angefangen habe, auch durch Erfahrung kennengelernt; ich vertraue aber dem Heilande, da├č er, auch mittels der Vorbereitung in Basel mich dazu tauglich machen, durch seinen Geist das gute Werk an mir best├Ątigen u vollenden, da├č seine Kraft in mir Schwachem m├Ąchtig seyn u er mich aus seiner F├╝lle eine Gnade um die andere nehmen lassen werde; doch darf ich die besonderen Gebrechen, die ein t├╝chtiger Missionar nicht haben soll, u die Bedenklichkeiten, die ich ├╝ber meinen Herzenszustand noch hege, hier nicht ├╝bersehen. Zu dem lezteren rechne ich, da├č ich zu dem Heilande noch in keinem innigeren Verh├Ąltnisse stehe, weil ich, wie ich bis jezt in der Meinung bin, da├č es bei mir sein sollte, ihn in der Gestalt, wie er auf Erden wandelte u am Kreuze hieng, oder verkl├Ąrt gen Himmel fuhr, mir noch nicht recht, lebendig, vor die Seele stellen kann, - denn von dem Gottmenschen darf man sich ja wohl ein Bildni├č machen? u ich sehe die├č als die eine Bedeutung des Ausdrucks, da├č Christus in uns eine Gestalt gewinnen solle, an, die andere wird sich auf die Darstellung der Christus├Ąhnlichkeit an der einen Person durch die Nachfolge Christi im Leben beziehen. Ich sah schon manche Jesusbilder, aber keines entsprach meinem Wunsche, seine theuren Z├╝ge daran entnehmen u mir sie jederzeit vergegenw├Ąrtigen zu k├Ânnen, doch habe ich noch niemanden gefragt, ob dies bei anderen wahren Christen der Fall ist, ich glaube fast, da├č es mir kein Bedenken machen d├╝rfte. Zu den ersteren geh├Ârt haupts├Ąchlich Mangel an Beredtsamkeit oder Redegabe, den ich bei mir zu bemerken glaube, soweit ich die├č beurtheilen kann, denn ich habe mich noch nie im freien Vortrage ge├╝bt, doch gedachte ich hier├╝ber oft an Mose mit seiner 'schweren Zunge'.

<14>

Hiemit h├Ąngt etwas anderes zuammen, was zu den Bedenklichkeiten geh├Ârt; ich meine, eine Verschlossenheit u Zur├╝ckhaltung ├╝ber meine inneren Zust├Ąnde, insbesondere gegen Mutter u Schwestern, die ihren Grund hat in der Scham ├╝ber meine fr├╝heren Fleischess├╝nden, welche ich bis jetzt nur zwei Personen, Herrn Josenhans und einem Freund, aber erst nicht offenherzig genug, bekannt habe. Ohne einige Entdeckung hier├╝ber k├Ânnte ich nicht offenherzig auch ├╝ber das andere seyn, aber ich w├╝rde sie wohl mit ersterem nur betr├╝ben u meines geistigen Lebens Gang war ohnedie├č ein besonderer, denn die Unglaubenszweifel m├Âchte ich auch niemand mittheilen, gegen Freunde, wie ich sie an den Missionsz├Âglingen h├Ątte, w├╝rde ich, wie ich meine, wohl ausleeren k├Ânnen, vielleicht auch je nach Umst├Ąnden vor Nichtchristen, die ich auf solche Weise auf meine eigenen Erfahrungen hinweisen k├Ânnte. ├ťberhaupt d├╝rfte es eine Eigenth├╝mlichkeit bei der Entwicklung meines Innenlebens seyn, da├č ich ganz allein stand; doch waren die Belehrungen u die Erkenntnisse, die ich von H Helfer Josenhans empfieng, zu dem ich mich sehr hingezogen f├╝hlte u dem ich noch am meisten, freilich nicht offen genug, Vertrauen schenkte, f├╝r mich von gro├čem Werth; aber sonst war ich gegen jedermann verschlossen (au├čer wenn ich im Allgemeinen Zeugni├č von dem, was ich erlangt, und da├č es mich lange K├Ąmpfe gekostet, ablege). Was mich von au├čen u von innen dr├╝ckte, klagte ich niemanden, insbesondere Mutter und Schwestern nicht, denn es h├Ątte nichts gen├╝zt, ihnen nur Betr├╝bnis u Sorge gemacht, wie sie sich theilweise ohnedie├č ├╝ber manches, das mich u die Verh├Ąltnisse der Zukunft betraf, mehr Sorge machten als ich selbst. Eine h├Âhere Geistesverwandtschaft hatten wir noch nicht, auch stand die von Vernachl├Ąssigung der Schulbildung herr├╝hrende gewisse Beschr├Ąnktheit der geistigen F├Ąhigkeiten unserer lb Mutter im Wege, so wu├čte ich die wenige Zeit, die ich im Ganzen nach meinem Eintritt in die Lehre mit den Meinigen in solcher Muse, die mit Unterredung auszuf├╝llen war, verbrachte, nicht viel mit ihnen zu sprechen, da ich bei meinem ernsten Wesen (das jedoch durchaus nichts M├╝rrisches hatte) stets einen gro├čen Widerwillen gegen alles zwecklose oder nicht nothwendige Reden hatte, in welcher Beziehung mir f├╝r meine Wortkargheit die ernsten Stellen der Bibel von 'jeglichem unn├╝zen Wort' von 'faul Geschw├Ąz' u. a. als triftige Entschuldigung galten. (M├Âchte doch jezt mein Mund mehr vom Preise der Liebe Gottes in Christo ├╝bergehen!) Aus dem Gesagten erkl├Ąre ich mir oft meine Verschlossenheit in betreff meines Inneren u meine Unf├Ąhigkeit, im Umgangsgespr├Ąch des gew├Âhnlichen Lebens geh├Ârig fortzukommen. Wenn ich mich schon in religi├Âse Gespr├Ąche, die eigentlich stets mein Lieblingsgegenstand waren, einlies gegen├╝ber von solchen, die Gegner der sogen. Pietisten waren, so konnte ich wohl siegreich, aber noch lange nicht ├╝berzeugend bestehen gegen einen, der selbst noch keine festen Grunds├Ątze hatte, w├Ąhrend ich einem anderen, der alles ├Ącht christliche ├╝ber den Haufen warf, in dem durch Darlegung der beiderseitigen Grunds├Ątze unbeabsichtigt entstandenen Wortstreit seine Einw├╝rfe gr├Â├čentheils schuldig blieb - freilich weil ich ihm meine Erfahrung gerade verga├č entgegenzustellen, u es auch damals nicht fest genug h├Ątte thun k├Ânnen. Haupts├Ąchlich aber solchen, die gar keinen Sinn f├╝r die Religion hoffen lie├čen, oder so wie sie waren u lebten, ganz mit sich zufrieden waren u schienen, wu├čte ich gar nicht beizukommen, nur in einer bekannteren Familie wagte ich es einigemal, so auch am Pfingstfeste, von dem eigentlich christlichen Leben zu zeugen, und einem Sohne derselben, etwas ├Ąlter als ich, konnte ich schon 2 mal eine ganze Stunde lang auf dem Wege allein mit ihm, in das Herz reden - (da h├Ątte ich denn eine - wenn auch nicht kunstm├Ą├čige, doch auch Ausbildung hoffen lassende Beredtsamkeit entwickelt, wie ich auch eine wissenschaftliche Unterhaltung mit einem guten Freunde, wenn wir beide des Gegenstandes m├Ąchtig sind, wohl fortf├╝hren kann). Hinsichtlich der beiden ersten Beispiele wei├č ich wohl, da├č man durch Wortstreiterei dem Reiche Gottes nicht leicht Seelen gewinnt, was man bei Bekehrungsversuchen von Bed├╝rfni├č der Erl├Âsung und von der Liebe Gottes zu uns (Joh. 14,9-10) auszugehen hat, u da├č, wenn einer je sich unterwindet oder berufen ist, Lehrer zu seyn, das Bekehren selbst Sache Gottes u seines Geistes ist; nur den Gegner beim zweiten Fall nannte ich nicht einen Freund, er war nur ein Bekannter, aber das Gespr├Ąch fiel in Gegenwart eines Freundes vor; den ├╝brigen wollte ich auch nicht Lehrer, sondern nur ein rechter Freund seyn. Die angedeuteten Herzann├Ąherungsversuche sind aus meiner lezten Zeit, wo ich u. a. in dem Triebe der Liebe den Entschlu├č gefa├čt hatte, hiesige Handwerkslehrlinge und Gesellen an den Sonntagabenden zu belehrender Unterhaltung zu mir zu versammeln, aber ich z├Âgerte zu sehr mit der Ausf├╝hrung, hielt sie wegen eines besonderen Hindernisses f├╝r unm├Âglich, und als ich wieder erfuhr, da├č dies nicht der Fall sey und schon alles doch eingeleitet hatte, zeigte sich, da├č, wie der Winter schon vor├╝ber, nichts mehr zu Stande zu bringen sey. Ich meinte in jenen Tagen, schon Neze auswerfen zu m├╝ssen, um Menschen zu fangen, sah aber dabei ein, wie ungeschickt ich noch dazu sey, weil ich den entfernter stehenden oder unbekannteren jungen Leuten nicht einmal beizukommen wu├čte. Dagegen suchte ich seit fr├╝her schon einer Pflicht zu gen├╝gen durch Verbreitung von Kapffs 'Warnung'.

<15>

Weil ich vorher von Freunden meiner lezten Zeit sprach, will ich auch noch auf mein Verh├Ąltni├č zu solchen der fr├╝heren Zeit zur├╝ckgehen. Ich war stets gerne im Umgange mit meinen Freunden, f├╝hlte aber auch in diesen stets ein nie befriedigtes Sehnen, weil das rechte Band eines innigen Verh├Ąltnisses fehlte, u ich, dem einen durch den Wunsch seines Lehrherrn, andere sonstwie zugef├╝hrt, gerne etwas Gutes an - und mit ihnen zu Stande gebracht u gesucht h├Ątte. Bei Spazierg├Ąngen, wie an Sonntagnachmittagen (der Sonntag ist mir seither auch heiliger geworden, ├╝brigens f├╝hlte ich damals immer, da├č er h├Ątte besser angewendet werden sollen, als in meiner Gesellschaft geschah, aber leider bliebs meist bei diesem schuldbewu├čten Gef├╝hl). Da steckte ich fast jedesmal Gesangbuch oder andere Lieder und sonst etwas zur Mittheilung u zum Lesen in die Tasche, trug es aber gew├Âhnlich gar nicht oder kaum ben├╝zt wieder heim. Ich h├Ątte so gern die Freunde denen ich n├Ąher stand, zu mir heran - fast h├Ątte ich gesagt heraufgezogen, denn ich f├╝hlte stets ein h├Âheres Leben, aber mehr in der Weise des unbestimmten Sehnens in mir, aber ich war viel zu schwach u sch├╝chtern, ja ich mu├čte sehen, wie einige von schlimmeren Gesellschaftern mehr angezogen u verderbt wurden, die ich durch mein festeres Anschlie├čen, wenn ich es verm├Âchte, zu einem Streben mit mir h├Ątte leiten m├Âgen. Oft wenn einzelne von Winnenden fortkamen, war ich froh, nun ungebunden in der Einsamkeit, die ich liebte, mehr auf meine eigene Herzensausbildung wenden zu k├Ânnen, aber stets kam ich in neue Verh├Ąltnisse, ich f├╝hlte f├╝r ├Ąchte Freundschaft mein Herz recht empf├Ąnglich, aber mu├čte eben immer wieder denken: 'Der beste Freund ist in dem Himmel, auf Erden sind die Freunde rar, drum hab ich immer so gemeint: mein Jesus ist der beste Freund'. Christliche Freunde, die mich h├Ątten ziehen k├Ânnen, fand ich keine; von den Gemeinschaften in Winnenden hielt auch Herr Josenhans keine f├╝r mich geeignet, nur im lezten Winter besuchte ich, und zwar gern eine sonntagabendliche Versammlung, die aber mit dem eintretenden Fr├╝hling durch Ausbleiben der Mitglieder (fast nur M├Ąnner) wieder aufgeh├Ârt hat. Im Missionshause zu Basel w├╝rde ich wohl die christliche Bruderliebe, wie sie sich im Umgang ├Ąu├čert, erst recht kennenlernen.

<16>

Was ich weiter von Gebrechen, die ein Missionar nicht haben sollte, zu sagen habe, ist Mangel an Raschheit im Handeln, auch in den Entscheidungen u an f├Ârderlicher Emsigkeit in den Gesch├Ąften; es w├Ąre mir zwar fast nichts so zuwider als M├╝ssigseyn, aber im Thun bin ich mal zu langsam u zu tr├Ąg, was theilweise daher kommt, da├č ich auf dem Rathhaus u auch sonst meist von zuvielen Seiten in Anspruch genommen war, als da├č ich in ununterbrochener hurtiger Arbeit h├Ątte mich bewegen k├Ânnen, da h├Ątte so oft vieles zumal gethan seyn sollen, so da├č, bei steten Unterbrechungen kein ruhiges Arbeiten m├Âglich war. Doch werde ich durch Gottes Gnade auch diese Tr├Ągheit u Langsamkeit besonders unter g├╝nstigen ├Ąu├čeren Verh├Ąltnissen, wie ich sie mir im Missionshaus zu Basel denke, ablegen k├Ânnen. An Beharrlichkeit, Geduld u Ausdauer w├╝rde es mir weniger fehlen insbesondere bei der Heidenbekehrung, wo ich stets daran denken m├╝├čte, wie lange der hochgelobte dreieinige Gott unter ganz anderen Verh├Ąltnissen bei mir brauchte, bis ich mich ganz ihm ergeben habe. Fehlschlagen von Erwartungen macht mich nicht muthlos, wenn das eine nicht eintrifft, hoffe ich auf etwas anderes. In Bezug auf meine Gem├╝thsart (Temperament) bemerke ich, da├č ich, was in Ch. H. Zellers Seelenlehre (Calw 1836, S. 132) von dem Seelenleben des Schwerbl├╝tigen gesagt ist, recht auf mich beziehen kann, wie ich ferner von Natur langsam zum Reden bin, bin ich auch langsam zum Zorn, ja ich kann fast sagen, da├č ich seit l├Ąngerer Zeit eigentlich unf├Ąhig zum Zorn bin; so ├Ąrgere ich mich auch ├╝ber Widriges von au├čen nicht, sobald ich bedenke, da├č es schon vollendet u nicht mehr ungeschehen zu machen ist, da├č man nichts Besseres thun kann als sich, je nach Umst├Ąnden, die Sache f├╝r die Zukunft merken.

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Nun noch weniges ├╝ber ├äu├čerlichkeiten. Ich bin zwar etwas schw├Ąchlichen, wenigstens nicht starken Leibes, aber so gesund, da├č ich bis jezt keinen Tag krank im Bette gelegen bin u noch kein Arzt wegen meiner befragt worden ist; nur in der Kindheit hatte ich einigemale Bauchgrimmen. In den Schuljahren blies ich einige Jahre die Posaune (in der Kirche und, die meiste Zeit des Jahres durch t├Ąglich zweimal, auf dem Thurme) f├╝hlte aber endlich davon nachtheilige Wirkungen auf die Brust, welche jedoch sich nicht mehr zeigten, sobald ich das Posauneblasen de├čwegen wieder aufgegeben hatte. In Bezug auf Kost u Nachtlager bin ich mit allem zufrieden u gen├╝gsam, ohne da├č es mich Verl├Ąugnung oder ├ťberwindung kostete, in der Kleidung liebe ich Einfachheit u Schlichtheit u wenn mir nichts sonst einf├Ąllt, ├╝ber das ich mich ├Ąrgern w├╝rde (betr├╝bend ist mir manches), so ist doch die Thorheit der verderblichen Mode, wie ich ├╝berhaupt alles Unn├Âthige u Ueberfl├╝ssige nicht leiden kann; ├╝berhaupt halte ich nur fast zu wenig auf das ├äu├čere. Hize wird mir weniger l├Ąstig als strenge K├Ąlte, weniger als manchen anderen. Durst bekomme ich nicht leicht, den Hunger durfte ich noch nie, wenn ich auch gewollt h├Ątte, recht probieren, und mu├čte es auch, Gottlob! noch nicht. Dagegen wei├č ich keine Fertigkeiten oder Handarbeiten zu nennen, die ich verst├Ąnde, (das Zeichnen ├╝bte ich von der Schule an nicht mehr,) und wenn ich mich in wilden Gegenden ├╝ber Beschwerlichkeiten der Reise, schlechtes Wetter u dgl. leicht wegsezen zu k├Ânnen meine, w├╝rde ich, wenn's etwa ein Haus zu bauen g├Ąbe, wenig zu Stande bringen. Noch mu├č ich untersuchen, was f├╝r irdische R├╝cksichten mit unterlaufen bei meinem Wunsche, Missionar zu werden. Da├č ein solcher viele Tr├╝bsale durchzumachen hat, ├Ąu├čere u innere, kann ich mir wohl denken, da ich aber in Wahrheit das Irdische nicht hochachte, u Entbehrungen u Aufopferungen in einer solchen Sache Seelen dem Herrn zuf├╝hren zu d├╝rfen, mir leicht erscheinen, besonders im Hinblick auf den Sohn Gottes, der alles f├╝r uns erduldete, so glaube ich, da├č ich auch einst werde sagen k├Ânnen: 'Ich vermag alles durch den, der mich m├Ąchtig macht, Christus'. Ja ich w├╝nsche alles Irdische f├╝r Schaden u Koth zu achten, auf da├č ich Christum gewinne u ein fruchtbringendes Glied an seinem Leibe seyn m├Âge! Ich mu├č gestehen, ich habe jezt eine Zuversicht, in das Missionshaus aufgenommen zu werden, doch gerade keine Gewi├čheit; aber sollte es nicht der Fall seyn, sollte der Herr mich zu seinem Werkzeug unter den Heiden nicht brauchen k├Ânnen, so habe ich allerdings keine klare Aussicht auf meine Zukunft, ich bin inde├č durch einen neuen merkw├╝rdigen Zufall in den lezten Tagen in dem Gedanken gest├Ąrkt worden, keinenfalls zu studiren; das philologische Examen w├╝nschte ich zwar doch zu machen, aber w├╝rde dann lieber wieder Gehilfendienste nehmen u sehen, wie es weiter gienge. Eine Ortsvorsteherstelle erschiene mir wahrhaftig viel w├╝nschenswerther als etwa eine Oberamtsmannstelle, und zwar, weil ich in erster viel n├╝zlicher wirken zu k├Ânnen glaube. Doch gewi├č kann mein Vaterland mich leichter entbehren als die Heidenv├Âlker Missionare entbehren k├Ânnen, da ja manche ihre H├Ąnde nach dem Evangelium ausstrecken, ohne da├č man ihnen Heilsboten bis jezt zuschicken konnte! Eine gesicherte Wirksamkeit w├╝nschte ich freilich, wenn ich aber Missionar werde, so verlange ich nach nichts weiter u wollte gewi├č Niemanden der in die Verh├Ąltnisse sehe, Anla├č geben zu sagen, ich habe meines Auskommens wegen diesen Beruf gesucht. Nein, der Herr bewahre mich von solcher u aller ├Ąhnlichen Unlauterkeit. Mein Wunsch u Sehnen ist einzig, ihm ein durch Liebe th├Ątiges Leben weihen zu k├Ânnen zum Dank f├╝r seine Liebe, deren Erweisungen aufzuz├Ąhlen ich nie fertig werden k├Ânnte. Nur erw├Ąhnen will ich hier noch zwei Lebensrettungen: Als Kind fiel ich ins Wasser u wurde ohne Schaden wieder herausgezogen (welchen Dienst ich sp├Ąter selbst einem Kinde erweisen konnte), im Sommer 1844 oder 1845 begab ich mich aus Unvorsichtigkeit in einen etwas rei├čenden Flu├č u dadurch in Lebensgefahr, die mir auch Gel├╝bde, mich dem Herrn ganz zu ergeben, auspre├čte, u kam ohne Schaden davon! Doch gerade, wo ich noch so viel zu reden h├Ątte, mu├č ich, da meine Schilderung wohl schon zu lang geworden ist, zum Schlusse eilen, und bitte also noch ausdr├╝cklich: Mir, wenn es der gn├Ądige Wille des Herrn wirklich ist, Aufnahme in das Missionshaus zu gew├Ąhren, in das ich, obschon ich es als Krankenhaus auch f├╝r mich betrachten kann u mu├č, einzutreten w├╝nsche, um mich zu einem brauchbaren Werkzeug bilden zu lassen des Herrn, der meine Gerechtigkeit ist! Gottlieb Christaller.

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