Startseite / Archive / 2004 / Haptische, visuelle und olfaktorische Sprachen: Westnilotische Wahrnehmungen
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1. Einleitung

<1>

In der vorliegenden Arbeit werden semantisch-kognitive Aspekte von Klassifikationssystemen in ausgewählten westnilotischen Sprachen behandelt. Dabei wird ein in der Forschung durchaus wohlbekanntes Problem thematisiert, nämlich das der seit Beginn historisch-vergleichender Untersuchungen vermuteten klassenähnlichen Strukturen in der Nominalmorphologie einiger Teile des Nilotischen (etwa in Westermann 1927, und in jüngster Zeit z.B. Vossen & Storch im Druck, Gilley 2000). Die hier präsentierten Ergebnisse der dazu angestellten Überlegungen bieten weder einen erschöpfenden Überblick über die bereits dokumentierten Systeme, noch haben sie den Anspruch, ein historisch adäquates Erklärungsmodell anzubieten. Es geht vielmehr darum, einigen sich bei der Untersuchung der Nominalmorphologie des Westnilotischen aufdrängenden Fragen nachzugehen: In welchen Parametern können sich Klassifikationssysteme außer ihren grammatischen Mitteln noch unterscheiden? Welche Ansicht der Wirklichkeit, welche Systematisierung der Welt spiegelt sich in ihnen wider?

<2>

Im Folgenden geht es um die Prinzipien von Sinneswahrnehmung, die sprachlich in auffälliger Weise behandelt werden und bei der Ausbildung verschiedener grammatischer Formen beteiligt oder gar auslösend gewesen sein mögen. Im Einzelnen wird von Geruchseindrücken im Luwo, Mayak und Kumam berichtet, von Farben im Dinka, Shilluk und Alur und schließlich von einer vom Tastsinn bestimmten Unterteilung der Welt im Mabaan.

<3>

Die hier dargestellten Sprachen werden im Sudan und in Uganda gesprochen, wo die im folgenden präsentierten Daten von der Autorin während der letzten vier Jahre gesammelt wurden. Nach Bender (2000) nimmt das Westnilotische innerhalb des Nilo-Saharanischen folgenden klassifikatorischen Platz ein:

<4>

Nach Köhler (1955) werden die folgenden Gruppen innerhalb der westnilotischen Sub-Familie unterschieden:

I

Burun

a

Nord (Mayak)

b

Süd (Mabaan, Ulu, Jumjum)

II

Dinka-Nuer

a

Dinka

b

Nuer

c

Atuot

III

Lwoo

a

Nord (Shilluk, Anywa, Päri, Luwo, Thuri, Belanda Bor)

b

Süd (Acoli, Copi, Luo, Adhola, Alur, Labwor, Kumam, Lango)

2. Olfaktorische Sprachen

<5>

Im sudanesischen Luwo (Jur) finden sich zunächst keinerlei auffällige Klassifikatoren am Nomen. Die Sprache ist im Übrigen in ihrer gesamten Formenbildung eher reduziert (wohl als Ergebnis intensiven Sprachkontakts und im Sinne von language decay). Umso erstaunlicher erscheint dann die Differenzierung, die im Bereich des Geruchsvokabulars dieser Sprache möglich ist.

<6>

Bei der (fast zufälligen) Elizitation des Lexems ‚smell’ ergab sich bereits am Anfang der Feldforschung ein Problem. Nach Auskunft der Gewährsleute gibt es nämlich eine ganze Reihe von äquivalenten Begriffen im Luwo, sodass zunächst eine Präzisierung von ‚Geruch’ gefordert wurde. Neben der besonderen semantischen Spezifizierung von Geruchswörtern fiel bei der Abfragung des Materials aber auch eine morphologische Besonderheit auf, die im Folgenden kurz skizziert sei.

<7>

Im Luwo können Zustandsverben im weitesten Sinne z.B. stets nominalisiert werden oder durch ein TAM-Morphem markiert werden:

(1)

ɲaad-ó

mέ-bà̤à̤r

‘ein langer Python’ (‘ein Python, der lang ist’)

Python-Sg

Rel-lang_sein

wáar-ù

à-dîd

‘ein schmutziges Kleid’ (‘Kleid schmutzig geworden’)

Kleid-Sg

Perf-schmutzig_sein

<8>

Wörter, die Gerüche ausdrücken, können jedoch weder Teil einer Relativkonstruktion sein, noch eine morphologische Tempus-Aspekt-Markierung erhalten. Gleichzeitig unterscheiden sie sich in ihrer formalen Struktur von Ideophonen, die semantisch und pragmatisch durchaus als vergleichbar gelten dürfen.

(2)

gín

ṭíg

‘ein nach nicht kastriertem Ziegenbock stinkendes Ding’

Ding

riecht_nach_Bocksgestank

tî̞in

kúr

‘eine wie Parfüm duftende Blume’

Blume

riecht_nach_Parfüm

kwom

bàd

‘ein verschwitzt riechender Körper’

Körper

riecht_nach_Schweiß

<9>

Im Gegensatz zu Ideophonen stehen ophresiologische Wörter auch in prädikativer Position. Auch in dieser Position folgen sie dem Subjektspronomen, ohne dass ein Tempus-Aspekt-Morphem stehen könnte:

(3.a)

ɲó̤

kò̤t̪

‘es riecht nach Sesam’

3.Sg

riecht_nach_Sesam

<10>

Die eng verwandten Geschmackseindrücke hingegen können stets temporal spezifiziert werden und verhalten sich folglich wie beliebige Verben:

(3.b)

ɲó̤

ù-lέm

‘es wird süß schmecken’

3.Sg

Fut-süß_schmecken

rìŋ

mέ-lέm

‘leckeres Fleisch’ (‘Fleisch, das süß schmeckt’)

Fleisch

Rel-süß_schmecken

<11>

Im Gegensatz zu Adjektiven und Substantiven bilden Geruchswörter im Übrigen auch keine Plurale aus, so dass die Formen in Beispiel (2) auch nicht als Genitivverbindung zweier Nomina interpretierbar sind.

<12>

In denjenigen Sprachen der Welt, die über ein spezielles Geruchsvokabular verfügen, gehören solche Wörter oftmals einer eigenen Wortklasse an und passen nicht in die gewöhnlichen grammatischen Kategorien der Sprache. Und so ist es auch im Luwo. Dort werden Gerüche mit Hilfe einer Gruppe von Wörtern ausgedrückt, die sich morphologisch anders verhält als Verben und Adjektive in dieser Sprache.

<13>

Abgesehen von diesen strukturellen Besonderheiten ist aber vor allem die enorme semantische Differenzierung, die etwas an Ideophone erinnern mag, ein erstaunliches Merkmal dieser Wörter. Im folgenden Beispiel (4) sind einige der gebräuchlicheren ophresiologischen Begriffe versammelt:

(4)

cá̤wù

‘ungekochter Fisch’

kúr

‘blumiges Parfum’

ti̤wù

‘Eiter’

cér

‘Urin’

lê̤m

‘Blumen; Pollen’

wàj

‘fermentiertes Mehl’

bàd

‘Achselschweiß’

pὲὲd

‘fauliges Fleisch’

k έὲ j

‘beißender Rauch’

ŋìr

‘unreife Bohnen’

kò̤t

‘zarter Blumenduft’

tị́g

‘unkastrierter Ziegenbock’

kò̤t̪

‘Sesam’

<14>

Keiner dieser ophresiologischen Modifikatoren ist von einem semantisch verwandten Nomen abgeleitet. Die Etymologie liegt damit etwas im Dunkeln, denn normalerweise würden solche Konzepte doch eher im Sinne von „fischig, blumig, etc.“ ausgedrückt werden.

<15>

Die semantische Vielfalt dieser Begriffe ist darüber hinaus allein schon deshalb erstaunlich, weil das Luwo zu anderen Sinneseindrücken bei weitem kleinere Vokabularien besitzt. Eine unseres Eindrucks nach doch so subjektiv wahrnehmbare Qualität wie der Geruch ist für die Luwo aber von enormer Wichtigkeit und muss auf einem hohen Präzisionsniveau unterschieden werden. Damit muss uns im Grunde auch deutlich werden, dass den verschiedenen Sinneseindrücken in unterschiedlichen Gesellschaften nicht die gleiche Bedeutung zugemessen wird. Während es für uns vor allem visuelle Eindrücke sind, die unsere Beziehung zur Welt definieren, ist es für die Luwo der Geruch, der ihnen erlaubt, ihre Wirklichkeit zu kategorisieren – in Essbares oder schon Verdorbenes, Gefährliches und Vertrautes.

<16>

Sprachen mit einem ophresiologischen Wortschatz bzw. einer eigenen Wortklasse für Geruchsvokabular sind weltweit sehr selten; in Afrika gehören zu den wenigen Beispielen das nigerianische Tarok (Blench & Longtau 1995), aber vor allem auch das Mayak im Sudan und das Kumam in Uganda. In all diesen Sprachen lassen sich ophresiologische Wörter formal klar von Ideophonen abgrenzen, die formal, z.B. in ihrer Laut- und Silbenstruktur definiert sind und sich von den Geruchsbezeichnungen oft auch im Bereich der Morphosyntax unterscheiden.

<17>

Die beiden soeben letztgenannten Sprachen Mayak und Kumam verfügen über dem Luwo vergleichbare olfaktorische Vokabularien, während andere Sinneseindrücke wiederum weniger differenziert beschrieben werden. Das Mayak lässt in wenigen Fällen sogar eine Herleitung des Geruchswortes vermuten, wie am Beispiel ‘Geruch von Heuschrecken’ gezeigt werden kann:

Geruch nach …

(5)

wɔ̀yɔ́t

‘Schlechtem’

ŋarɔt

‘Gutem’

gɔ̂ngɔ́ŋ

‘alten Knochen, Schlange, Haut, bösen Geistern’

wɔ̀cɔ̀wɔ́c

‘fauligem Fleisch’

gɔ̀lɔ̀gɔ́l

‘Insekten, Termiten’

štə̀ŋt̪ə́ŋ

‘Heuschrecken, Läuse’ (<‘Heuschrecke’ t̼ə́əŋìn)

gìd̪ɔ́n

‘Ziegenbock, Wildkatze’

lɔ̀lɔ̀

‘Fisch’

kɛ́t̪ɛ́kɛ́t̪

‘Urin’

y t y t

‘Frischmilch, Sesam’

kʊ́t̪ʊ̀kʊ́t̪

‘Säugling, Muttermilch’

bʊ̂lbʊ̂l

‘altem Wasser, Matsch’

pɛ́ɲɔ́n

‘fermentiertem Mehl, Bier, Tamarinde’

gɔ̀mɣɔ̀m

‘unreifen (grünen) Früchten’

rùb

‘Ziegenstall, Kuhstall’

pɛ́t̪pɛt̪

‘Schmutz’

kútùkút

‘alter Kleidung’

bùtùbùt

‘altem Getreide’

<18>

Die Kumam sind ursprünglich Sprecher einer ostnilotischen Sprache, des Teso, und haben vor einigen Generationen einen Sprachwechsel zu einer Lwoo-Sprache hin vollzogen. Zwar ist mir nicht bekannt, ob olfaktorische Vokabularien auch im übrigen Nilotischen vertreten sind, aber eigene Nachforschungen im Süd-Lwoo, dem das Kumam angehört, haben ergeben, dass dort eher keine großen derartigen Vokabularien vorkommen. Somit ist der beachtliche Reichtum von Geruchswörtern im Kumam durchaus ungewöhnlich. Stärker als im Mayak bedient sich diese Sprache abgeleiteter Formen, sodass wir nicht von einer eigenen ophresiologischen Wortklasse ausgehen können. Aber angesichts der sonst sehr wenig ausgeprägten derivationalen Morphologie im Kumam ist Vielfalt an entsprechenden Präfixen bei den Geruchswörtern durchaus interessant. Die hier gebrauchten Präfixe finden auch bei verschiedenen Gruppen von Nomina, z.B. genusmarkierten Nomina (Eigennamen) und abgeleiteten Formen, sie kommen aber auch bei der Bildung von Adjektiven vor.

<19>

Die semantische Differenzierung ist – vielleicht unterstützt durch die morphologischen Bildungsmöglichkeiten – sehr ausgeprägt:

Geruch nach ...

(6)

à-númú

‘noch nicht fertig gekochten Speisen’

à-m ít

‘frisch gekochtem Essen; zuckrigem Geruch’

ò-rúráwó

‘verdorbenen, jedoch noch essbaren Speisen’

ò-pírísár

‘vergammeltem Essen’

à-kùr

‘Mango’

ò-búbú-ò

‘unreifem Obst’

ò-lêm

‘rohem Sesam/Erdnuss’

à-lɛ̀p

‘geröstetem Sesam/Erdnuss’

à-wàc

‘Saurem, Fermentiertem, Salzigem’

ì-lɛ́pàn

‘Milch’

ì-líànà

‘rohem Fisch; Säugling’

ó-ɲâl

‘schlammigem Wasser’

ó-bèdù

‘altem Wasser’

ò-tɔ̂p

‘Fäkalien’

à-ŋwé

‘Müllhaufen’

ì-sísí

‘Ziegenbock’

à-ŋéc

‘Achselschweiß’

à-tík

‘Gonorrhoe’

ì-rɛ́rɛ́

‘Urin’

ó-púr-ò

‘alter Kleidung’

ó-pír-ɔ̀

‘altem Getreide’

3. Visuelle Sprachen

<20>

Auch Sprachen wie das Shilluk verfügen über reiche ophresiologische Vokabularien, jedoch überwiegen unter diesen westnilotischen Sprachen die Farbbegriffe, die in frappierendem Reichtum vorkommen – wenngleich nur in einem bestimmten Kontext. Fragt man Farbadjektiva oder Farbstativverben etwa in einer Wortliste ab, so ist das Resultat eine Sammlung von vielleicht drei, vier Farben. Es bedarf des konkreten Bezugs zu dem einzigen Objekt, dem in diesen Gesellschaften und ihren Sprachen eine differenzierte farbliche Spezifikation zugestanden wird: dem Rind. Und nur im Kontext des Rindes lassen sich dann auch die in die Hunderte gehenden Farbbegriffe überhaupt abfragen. Ein Beispiel aus dem Dinka (Trudinger 1944) kann dies vorzüglich illustrieren:

(7)

Kuh

Bulle

Kalb

a-luεεl,

ma-lual,

naɲ-luel,

‘rotbraun’

Pl. a-luel

Pl. mioor-luet

Pl. na̤ɲ-luet

a-lual,

mi-alual,

naɲ-alual,

‘dunkelbraun’

Pl. a-luet

Pl. mịo̤o̤r-luel

Pl. nẹɲ-luel

a-col,

ma-caar,

naɲ-col,

‘schwarz’

Pl. a-cul

Pl. mịo̤o̤r-cɔɔr

Pl. nẹɲ-cul

a-reŋ,

ma-rεεŋ,

naɲ-rεεŋ,

‘rötlich/schwarz

Pl. a-reŋ

Pl. mịo̤o̤r-rεŋ

Pl. nẹɲ-rεŋ

+ weiße Brust’

a-tok,

mi-atok,

naɲ-atok,

‘schwarz + weißer Bauch’

Pl. a-tok

Pl. mịo̤o̤r-atok

Pl. nẹɲ-atok

a-jak,

ma-jak,

naɲ-jak,

‘weiß + rötlicher Hals/Kopf’

Pl. a- jiεεk

Pl. mịo̤o̤r-jiεεk

Pl. nẹɲ-jiεεk

diŋ,

ma-diŋ,

naɲ-diŋ,

‘rot, weiße Vorderseite/Bauch’

Pl. diŋ

Pl. mịo̤o̤r-diŋ

Pl. nẹɲ-diŋ

a-luoet̪,

ma-lut̪,

naɲ-lut̪,

‘rosa mit schwarzen Punkten’

Pl. a-lut̪

Pl. mịo̤o̤r-lut̪

Pl. nẹɲ-lut̪

etc.

<21>

Die Formenbildung ist reichlich komplex; Kuhfarben sind morphologisch weitgehend unmarkiert und tragen nur ein a- Präfix, welches das feminine Geschlecht anzeigt (Nebel 1948:13). Die maskulinen Farben sind mit einem Präfix ma- im Singular konstruiert, Plurale sind Komposita aus ‘Bulle’ (Sg. muɔr) plus Farbadjektiv. Die Farben für Kälber sind Komposita aus einer grammatikalisierten Form von ɲan ‘Kind von’, die eine Metathese der beiden Stammkonsonanten durchgemacht hat, plus Farbadjektiv.

<22>

Aus einer semantisch-funktionalen Perspektive ist es erstaunlich, dass die in Trudinger (1944) versammelten Rindernamen fast ausschließlich Farbnuancen beschreiben. Andere Kriterien, etwa die Form der Hörner, des Buckels, das Alter etc, die sonst durchaus im Zentrum des Interesses von Pastoralisten stehen (vgl. Fulbe, Ankole), sind für die Dinka offensichtlich nicht sehr relevant.

<23>

Für die Shilluk gilt dies ebenso, allerdings finden sich hier nicht nur Farbausdrücke, die für Kühe und Bullen zu unterscheiden sind, auch verwenden Männer und Frauen verschiedene Farbvokabularien, die sich auf unterschiedliche, in den jeweiligen Lebensdomänen der unterschiedlichen Geschlechtern angesiedelte Referenzobjekte beziehen. Wir unterscheiden also Männerfarben und Frauenfarben:

(8)

Frauenfarben

Männerfarben

maskulin

femimin

tàr

ó-bàw

‘weiß’

ó-báŋə̤́~ ó-wáw (hell, leuchtend)

ó-wáw

‘blau’

à-cwícwìl (dunkel)

dí-tàn, lɔ̤́ɔ̤c

dí-tán

ó-táàŋ-ɔ̤̀

‘schwarz’

wáar, rεε̤rɔ̤̀

dí-dígɔ̤̀

ó-làal

‘rot’

bággə̤̀

dí-bwɔ̤r

ó-bwɔ̤r--ɔ̤̀

‘gelb’

ó-máàr-ɔ̤̀, màr

dí-twɔ̤l

ó-twɔ̤̀l-ɔ̤̀

‘grün’

<24>

Wie im Dinka markieren die Präfixe das natürliche Geschlecht der Rinder bei Eigennamen, aber einige dieser Morpheme sind auch bei den Frauenfarben zu beobachten, die jedoch grundsätzlich keine Sexusdifferenzierung vornehmen. Ob die Farbwörter überhaupt ohne Genusmarkierung oder als nicht nominalisierte Form vorkommen können, ist bislang noch ungeklärt. Es könnte sich also um Formen handeln, die auf dem Wege sind, über einen Grammatikalisierungsprozess zu Klassifikatoren zu werden.

<25>

Die Frauenfarben beziehen sich im Übrigen auf die zweite so wichtige kulturelle und ökonomische Domäne der Shilluk-Gesellschaft: die Glasperlen. Genauso, wie es für die Männer unendlich wichtig ist, die vielfältigen Farben und Muster ihrer verehrten Rinder präzise ausdrücken zu können, verfügen die Frauen über einen Wortschatz an Perlenfarben, der sie selbst die kleinste Nuance eines Tons noch bestimmen lässt.

<26>

Im südlichen Lwoo, so etwa im Alur, Copi und Adhola finden sich ähnlich elaborierte und hochspezialisierte Farbvokabularien. Sie beziehen sich jedoch nicht auf Rinder oder Perlen, sondern auf ihr wichtigstes Haustier und vor allem Opfertier bei religiösen Handlungen, nämlich das Huhn.

(9)

má-tár

‘weiß’

à-bok

‘kupferrot’

má-kwáckwàc

‘kupfer-grau getigert’

má-cól lálík

‘Kopf kupferfarben, Leib schwarz’

kɔ̀l-ɔ̀ má-tár

‘weiß mit etwas schwarz’

kɔl-ì

‘grün mit gelben Streifen’

vúr-ú

‘aschfarben’

mà-kísìkísì

‘rot-weiß’

à-wε̂nd-ó

‘wie ein Rebhuhn’

má-cɔ̂l

‘schwarz’

á-fúr-à

‘wie eine Antilope (rot-weiß-schwarz)’

ó-ryε̂ŋ

‘wie dunkler Milchkaffee’

<27>

Plurale bildet das Alur von den Hühnerfarben nicht. Alle Stämme (Verben, Adjektiva, Nomina) tragen derivative Präfixe oder lexikalisierte Nominalsuffixe.

4. Haptische Sprachen

<28>

Während die in den Begriffen für Hühnerfarben nur noch als petrifizierte Relikte nachweisbaren Suffixe im Alur keine Systematisierung mehr zulassen, verfügt das Mabaan (Süd-Burun) über ein großes Repertoire hochproduktiver Suffixe. Dort lässt sich ein System von nominalen Klassifikatoren beschreiben, dessen semantisch-funktionaler Rahmen in der Einteilung der Welt gemäß haptischer Eindrücke besteht.

<29>

Das Mabaan ist in seiner Nominalbildung durch ein klassisches nilotisches tripartites Numerussystem und eine Reihe von Klassifikatoren charakterisiert, die an spezifische semantische Konzepte gekoppelt sind. Tripartite Numerussysteme sind ein Merkmal zahlreicher nilosaharanischer Sprachen (vgl. Dimmendaal 2000) und zeichnen sich durch die Existenz dreier Prinzipien der Numerusmarkierung aus: von morphologisch opaken Kollektivnomina kann ein markierter Singulativ abgeleitet werden (10.a), von einem morphologisch opaken Singular kann ein markierter Plural gebildet werden (10.b), und es können beide – Singular- und Pluralform – morphologisch markiert sein, wobei die Numerusmorpheme jeweils substituiert werden (10.c). Ob die numerusmarkierenden Formantien ursprünglich auch als Klassifikatoren anzusprechen sind, ist im Hinblick auf die Situation im Nilotischen oder gar im Nilo-Saharanischen nicht zu beantworten.

Beispiele aus dem Mabaan sind:

(10.a)

Kollektiv

Singulativ

Singulativmarkierung

Läuse’

ɲɔ́ɔ̀k-Ø

ɲɔ́ɔ́k-càn̪

(10.b)

Singular

Plural

Pluralmarkierung

‘Affe’

jwɔ́m-Ø

jɔɔm-gʌ

(10.c)

Singular

Plural/Kollektiv

Substitution

‘Wurm’

ʔúʌt-à

ʔúʌt-àn̪

<30>

Die verschiedenen Suffixe, die allesamt als Numerusmorpheme den Singular kennzeichnen, treten an Nominalstämme jedweder im Mabaan zulässigen phonologischen Struktur. Das Kriterium für ihre Verteilung liegt in der Semantik. In diesem Sinne klassifizieren sie Nomina im Hinblick auf deren Zuordnung zu einer bestimmten Klasse, die nach stofflichen, Tasteindrücken folgenden Kriterien festgelegt ist. Die hierbei häufigsten Klassifikatoren sind folgende:

Klasse -à:

a) runde Objekte

ʔ áárà 'Matte' mɔ́tà ' Trinkkalebasse', táagà (<ar.) 'Kappe', déjà 'Ring', cyâkà 'Rassel', lɔ́lúŋà 'Glocke'

b) kleine Tiere

búúkàEule’, gítà ‘Fledermaus’, ŋájà ‘Flughund’, lúúbà ‘Tsetsefliege’, màlàkὲὲtà ‘Schmetterling’, kɔ́ɔ́kà ‘Raupe’, myàlà ‘Tausendfüßler’, ʔúʌ́tà ‘Wurm’, dúárà ‘Käfer’, ŋɔ́ɔ́rà ‘Floh’, myáŋà ‘Spinne’, cáàpà ‘Katze’, kííyà ‘Küken’, pέkà ‘Viper’ , lέlà ‘Echse’, tέtà ‘Gecko’, yíkà ‘Waran’, ʔɔɔŋà ‘Frosch’, ʔɔ̀ɔ̀̀mtà ‘Wasserschnecke’

c) Massenbegriffe

cíllà ‘Salz’, kúúd̪à ‘Pfeffer’, j ɘ́gà ‘Bohnen’

Klasse -i:

a) Schnelligkeit

cìὲrìAntilope’, mwɔ́yìGazelle’, bɔ́ŋɲì Dreschflegel’, pɔ́lì ( ŋáàlʌ̀ ) ‘(Regen)wolke [über den Himmel rasend]’, pɔ́yìStraße’, y ánì Kuhdung [schnell herunterfallend]’

b) psychische Konzepte

yíèt̪ì Hexerei’, bwɔ́jìAngst’, lúkì Traum’, ɲɔ́ɔ́kì Brechreiz’, ngúrɲì Priester’

Klasse -ɔ̀:

Haus und Heim; Zeiteinteilung

báànɔ̀ Gehöft’, yînɔ̀ Tür’, ʔə́ə́nɔ̀Haus’, líìdɔ̀Morgen’, tέɛ̀nɔ̀ gestern’

Klasse -ù/-ŋù:

Körperteile

tíennù Brüste’, búyù Schulter’, jùʌ́nù ‘Brust’, kíímù Herz’, kyɛnnù Leber’, kɛ́nù Bauch’, ʔùllù Nabel’, yɔwnù Achselhöhle’, ŋwɔ́yù Rückseite, Anus’, ŋúyù Hinterseite’

Klasse Nʌ̀:

a) weiche Objekte

yɔ̀ŋŋʌ́Fleisch’, yúànʌ̀ Hippopotamus’, dwállʌ̀Sprache’, yɛ́nnʌ̀ Exkremente’, jânnʌ̀verfaulte Sachen’, jállʌ̀ Matsch’, ʔəmmʌ̀ Pilz’, ʔàmmʌ̀ Hirsekloß’, tə́llʌ̀ Asche’, cyʌ̀nnʌ̀ ‘Farbe [weicher Lehm u.ä.]’

b) Kreisförmigkeit, Zirkulation

ʔímmʌ̀ Turban’, puɲʌ̀ Korn’, dúwànnʌ̀ Kalebasse’, twíɲʌ̀ Kornspeicher’, jiinʌ̀ Brunnen’, gálʌ̀ŋʌ̀ Teich’, kúrɲʌ̀Rührstock’, pánnʌ̀ Flechtwerk’, yúálnʌ̀ Altersgenosse [Bestandteil des Lebenskreislaufs]’, də̂nnʌ̀ Handel, Warenzirkulation’, wʌ́ʌ̀nnʌ̀Reise’, yúnnʌ̀ Jahr’

Klasse -àšn/ɲɒn̪

charakteristische Teile eines größeren Objekts bzw. eines Verbunds

bɛɛnàn̪Haut, Rinde’, ʔààmɲàn̪Blatt`, yúlɲàn̪Niere’, ŋɛ́ɛ́ràn̪Rippen’, ʔíwàn̪Trockenheit’, myɛ́làn̪Hitze’, gwɔyàn̪Weichheit’, ɲílɲàn̪Ameise’, jeeɲàn̪Feder’, bíentàn̪Wabenstock’, lɔ́ɲà̪n Bienenwachs’, gùrɲàn̪Bienenkönigin’, gááràn ̪‘Schwert’, múntàn̪Pferd’

Klasse (C)in̪:

physische Eigenschaften und Abstraktes

gíikìn̪ Dreck’, d̪̪ɛ́ɛ̀t̪ìn̪Leben’, lùggín̪Traum’, ŋeejín̪̪ Wissen’, wíldín̪ (ɲáàlʌ̀ ) ‘(Gewitter)blitz’, lɔ̀ɔ̀din̪Schande’, dyárcìnKleinheit’, dúúlcìn Kürze’, t̪ɛ́ɛ̀cìn̪ Schwierigkeit’, núkìn̪ Gefühl’

Klasse –gɔn:

a) lange Objekte

bɛ́ɛ̀kɔ̀n ‘Baumwurzel’ (= ‘Langrinde’), púkɔ̀n ‘Mais’ (= ‘Langhirse’), dɔ̀ngɔ́n ‘Pflanzstock’, bɔ̀ɔ̀cɔ̀n ‘Horn, Trompete’, cúɲkɔ̀n ‘Saiteninstrument’, bílgɔ̀n ‘Narbe’

b) Pejorativa

kɛ́ɛ́ngɔ̀n Sklave’, ɲúʌngɔ̀nZwilling’, cyágɔ̀nDieb’, kààlgɔ̀n Junggeselle (zeugungsunfähig)’, dɔ́ckɔ̀n ‘kastrierter Ziegenbock’

<31>

Sehr viel mehr als in vergleichbaren Systemen (z.B. des Niger-Kongo) werden im Mabaan Kriterien der Fühlbarkeit, des Tastsinns und der stofflichen Beschaffenheit bei der Einteilung der Nomina zugrunde gelegt. Anders als in den olfaktorischen und visuellen Sprachen sind die Ressourcen an entsprechenden Vokabularien eher beschränkt. Dies könnte ökonomisch und kulturell motiviert sein, aber auch als Hinweis darauf gewertet werden, dass die Mabaan vor allem haptischen Kriterien bei der Einteilung der Welt eine bedeutende Rolle zuordnen, während anderen Sinneseindrücken weniger Bedeutung zugemessen wird. Hier könnten sich auch Erklärungsmodelle aus der kognitiven Linguistik, Ethnogrammatik und Ethnopsychologie als aufschlussreich erweisen.

5. Schlussfolgerungen

<32>

Die hier angestellten Betrachtungen lassen uns zunächst drei Schlüsse ziehen:

Erstens bilden ophresiologische Wörter im Westnilotischen eigene Wortklassen oder eine eigene Derivationskategorie aus. Die Formenbildung ist zum Teil sehr komplex, wenn sie mit der Formenbildung in anderen Bereichen (Nominalsystem) verglichen wird, und die Etymologien der entsprechenden Termini sind höchst undurchsichtig.

<33>

Die Farbbegriffe der Sprachen der Rinder- und Hühnerzüchter weisen eine ähnliche morphologische Komplexität auf und sind in ihrer ausschließlichen Verwendung im Kontext der Tierzucht vergleichbar mit Spezialvokabularien und innovierter Klassen einiger Niger-Kongo-Sprachen (z.B. die Rinderfarben im Ankole oder im Ful, wo sich hierfür sogar eine eigene morphologische Klasse herausgebildet hat). Es ist durchaus denkbar, dass die allmählich grammatikalisierten Bildungselemente auf eine Ausbildung eines derartigen Systems hinweisen.

<34>

Allen Systemen der Klassifikation gemeinsam ist zweitens ihre besondere semantische Spezifizierung, die sich zum Teil sonst nur im Bereich des Ideophons findet. Das wichtigste Kriterium der Klassifizierung von Welt und Wirklichkeit ist hier offensichtlich nicht die Zuordnung der Begriffe zu einer Funktionsgruppe oder Formenklasse, sondern geschieht aufgrund bestimmter, sich in den verschiedenen Gesellschaften durchaus unterscheidender Wahrnehmungsmuster. Bei den visuellen Sprachen hat dies sicher seinen Entstehungsgrund in der Wirtschaftsweise und religiösen Organisation der Sprecher (Rottland 1994); für die olfaktorischen und haptischen Sprachen kann hingegen über ökonomische oder kulturelle Motivationen nur spekuliert werden: Ackerbau, Jagen und Sammeln könnte als Gegenstück zum Pastoralismus aber ein Erklärungsmodell liefern (vgl. hierzu Almagor 1987, Hombert 1992, Van Beek 1992).

<35>

Drittens führt dies aber auch zu dem Schluss, dass kulturelle Konzepte die linguistischen Strukturen in vielleicht stärkerem Maße beeinflussen, als die Untersuchung anderer, zumeist sehr viel stärker im Vordergrund stehender sprachlicher Domänen nahe legen dürfte. Gleichzeitig wird hier deutlich, in welchem Maße Wirklichkeit geordnet, systematisiert, klassifiziert wird und in welchem Maße sich westnilotische Sprachen hier voneinander unterscheiden – begründet durch zum Teil nachvollziehbare kulturhistorische Prozesse.

6. Bibliographie

Almagor, Uri 1987

'The cycle and stagnation of smells: Pastoralists-fishermen relationships in an East African society.' Res 13:106-121.

Blench, Roger und Selbut Longtau 1995

‘Tarok ophresiology: an investigation into the Tarok terminology of odours.' In Issues in African Languages and Linguistics. Essays in Honour of Kay Williamson. Hrsg. E. Nolue Emenanjo und Ozo-mekuri Ndimele. Aba: Ninlan, 340-344.

Dimmendaal, G. 2000

'Number marking and noun categorization in Nilo-Saharan languages.' Anthropological Linguistics 42,2:214-261.

Gilley, Leoma 2000

Singulars and plurals in Shilluk; Occasional Papers in the Study of Sudanese Languages 8:1-21.

Hombert, Jean-Marie 1992

'Terminologie des odeurs dans quelques langues du Gabon.' Pholia 7:61-65.

Nebel, Arthur 1948

Dinka Grammar (Rek-Malual Dialect) with Texts and Vocabulary. Verona: Missioni Africane.

Rottland, Franz 1994

'Cattle-naming in north-central Tanzania: A case of borrowing.' In Sprachen und Sprachzeugnisse in Afrika. Eine Sammlung philologischer Beiträge, Hrsg. Thomas Geider und Raimund Kastenholz. Köln: Rüdiger Köppe, 337-344.

Trudinger, R. 1944

English-Dinka Dictionary. 2 Bde. Unpubl. Ms, SUM Lalyo.

Van Beek, Walter E.A. 1992

'The dirty smith: smell as a social frontier among the Kapsiki/Higi of north Cameroun and north-eastern Nigeria.' Africa 62,1:38-58.

Vossen, Rainer und Anne Storch im Druck

'Odours and colours in Nilotic. Comparative case studies.' In Proceedings of the 8th Nilo-Saharan Linguistic Colloquium. Hrsg. Mechthild Reh und Doris Payne.

Westermann, Diedrich 1927

Die westlichen Sudansprachen und ihre Beziehungen zum Bantu. Berlin: De Gruyter.

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