Accueil / Archive / 2006 / Albert Wirz, Andreas Eckert & Katrin Bromber (Hg.) 2003. "Alles unter Kontrolle. Disziplinierungsprozesse im kolonialen Tansania (1850-1960)".
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Das Buch gliedert sich in drei Hauptabschnitte: in eine ausführliche Einleitung von Albert Wirz zu Ziel, Gegenstand und Inhalt des Bandes, in den Hauptteil mit neun Beiträgen verschiedener AutorInnen sowie in einen Anhangteil mit zwei Swahili-Primärtexten, die in den Artikeln erwähnt werden, Literaturverzeichnis und Index.

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Die HerausgeberInnen und AutorInnen haben es sich zum Ziel gesetzt, einen Beitrag zur Diskussion um die staatliche Ordnung im zeitgenössischen Afrika zu leisten, indem sie exemplarisch einen Blick auf die kolonialen Anfänge Tansanias (dem ehemaligen Deutsch-Ostafrika bzw. später dem britischen Tanganyika) werfen. Ein Erklärungsansatz für das Handeln der nachkolonialen afrikanischen Eliten kann nämlich in ihrer Ausbildung und ihrer Rolle im Rahmen des kolonialen Herrschaftssystems gesehen werden. Solche afrikanischen Verwaltungseliten wurden später häufig zum Träger des antikolonialen Nationalismus und des jungen Nationalstaats.

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Hierzu werden in den Artikeln Kernfragen zu den sozialen Disziplinierungsprozessen und der kolonialen Subjektbildung diskutiert, die dieser Rolle vorausgehen mussten und die beide für das koloniale Projekt von fundamentaler Bedeutung waren: Welche Spuren und Formen der sozialen Disziplinierung der afrikanischen Untertanen im Prozess der kolonialen Staatsbildung lassen sich nachzeichnen? Wie wurde Macht repräsentiert? Wie geschah die Einschreibung von staatlicher Macht in Körper, Raum und Zeit, welche die Handlungsspielräume von Individuen und Gruppen definierten?

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Für die Kolonialisierung von zentraler Bedeutung war die Verwaltung. In der kolonialen Staatenbildung kann, Trutz von Trotha folgend, zwischen despotischem, intermediärem und bürokratischem Verwaltungshandeln unterschieden werden. Gewalt und intermediäre Verwaltung sind Hauptkennzeichen des kolonialen Staates. Der rationale Territorialstaat ist ein fernes Ziel, als Herrschaftsutopie entfaltet er aber Wirkungsmacht. Kolonialoffiziere und Kolonialbeamte, so Wirz in seiner Einleitung, führten sich häufig wie Despoten auf. Stationsleiter, einheimische Häuptlinge, Träger und Dolmetscher waren dabei die Stützpfeiler der Intermediarität. Hier muss allerdings bezweifelt werden, ob diese strikte Zuordnung einzelner Personenkreise zu bestimmten Kategorien des Verwaltungshandelns tatsächlich so eindeutig war, wie Wirz es darstellt.

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Auf diese letztere Gruppe richtet sich das Hauptaugenmerk der Autoren. Da es ihnen um die kolonialen Anfänge des bürokratischen Verwaltungshandelns als zentralem Aspekt moderner Staatlichkeit geht, stellen sie die „Söhne der Europäer“ in das Zentrum ihrer Diskussion wie beispielsweise einheimische Kanzlisten, Schreiber, Lehrer, Zollassistenten, Pfarrer usw. Diese wurden zu Trägern der bürokratischen Herrschaft und später nicht selten zu Vorkämpfern des antikolonialen Nationalismus.

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Im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen Körper-, Zeit- und Raumvorstellungen (im Foucault'schen und Bourdieu'schen Sinne) der Kolonisierenden und ihrer einheimischen Helfer. Körper und Körpertechniken waren hierbei besonders wichtig. Sie stehen in unmittelbarem Zusammenhang zu Macht und Identität, weil man durch sie Macht und Identität besonders intensiv und vielfältig ausdrücken kann.

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Die der Einleitung folgende Sammlung von Artikeln ist in drei thematische Abschnitte eingeteilt und entlang der kolonialen Zeitschiene angeordnet. Der erste der drei Abschnitte ist folgerichtig mit "Zeitenwechsel" überschrieben. Er beinhaltet zwei Beiträge, die sich mit der Übergangsphase von der Macht der osmanischen Busaidi-Sultane an der ostafrikanischen Küste hin zur deutschen Kolonialverwaltung beschäftigen. Mit dem islamischen Bildungswesen an der Küste, besonders den chuo-Koranschulen für Kinder, setzt sich Katrin Bromber auseinander. Zur deutschen Kolonialzeit bestand ein mehrgleisiges Bildungssystem, bestehend aus deutschen Missions- und Regierungsschulen und aus den chuo. Beide weisen überraschend große Gemeinsamkeiten auf, besonders bei den Mitteln und Maßnahmen, die zur Disziplinierung der Schüler eingesetzt wurden. Katrin Bromber und Jürgen Becher beschreiben im anschließenden Artikel den Lebensweg von Abdallah bin Hemedi, der es unter der deutschen Kolonialregierung zum Statthalter (liwali) von Tanga brachte und den hohen Posten überwiegend seiner Bildung und seiner Reputation verdankte, obwohl auf der anderen Seite seine Handlungen und seine Erscheinung von großer Eigenständigkeit geprägt waren.

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Der zweite Sinnabschnitt, betitelt "Neue Kleider", beschäftigt sich mit der Periode, in der Herrschaft und Macht endgültig in die Hände der deutschen Kolonialisten gewechselt haben. Hier kam es zum selbstbewussten afrikanisch-muslimischen Widerstand gegen auferlegte Zwänge. Dieser Widerstand wurde besonders durch Literaten getragen, wie in Brombers Artikel "Ein Lied auf die hohen Herren" zum Ausdruck kommt. Sie ist hier der Auffassung, dass afrikanische Schriftsteller eine Reihe von Gedichten speziell für deutsche Kolonialbeamte verfassten, um dadurch einen von ihnen aufgestellten Normenkatalog an letztere zu vermitteln. Durch die Verwendung bereits vorhandener literarischer Bilder über den "guten" Herrscher und damit verbundener normativer Vorstellungen sollten die Kolonisatoren in die lokalen Kulturen eingebunden werden. Hier ist jedoch anzumerken, dass eine Reihe dieser Gedichte durchaus auch als eine fundamentale, wenn auch sprachlich verschleierte Kritik beispielsweise am militärischen Vorgehen der Deutschen gegenüber einheimischen Aufständischen gewertet werden kann. Dies klingt bei Bromber an, wird allerdings nicht explizit genug dargestellt.

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Das afrikanisch-muslimische Selbstbewusstsein auf der einen und die Unsicherheit der Deutschen auf der anderen, teilweise erklärbar durch ihre Unkenntnis lokaler Verhältnisse und angetrieben durch die Paranoia mancher christlichen Missionare, denen die Schlüsselpositionen der Muslime in der Kolonie ein Dorn im Auge waren, werden von Michael Pesek anhand der "Mekkabrief-Affäre" kontrastiert. Der urplötzlich an der Küste kursierende Mekkabrief wurde von den Kolonialdeutschen als Aufruf zum Aufstand interpretiert, obwohl er wohl nur ein Aufruf zu frommem muslimischen Lebenswandel war. Die völlige Unkenntnis der Deutschen kam nicht nur durch Desinteresse zustande, sondern auch durch die Zufälligkeit der Wissensproduktion und das mangelhafte Berichtswesen.

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Jürgen Becher zeigt in seinem Beitrag über die deutschen Missionsschulen das dort gepflegte Erziehungswesen und die Disziplinierungsmaßnahmen auf. Die Verhaltensregeln für afrikanische Insassen der Mission wurden mit Hilfe der so genannten "Stationsordnungen" festgelegt. Hier ist interessant, dass die dort unterrichteten Afrikaner sich häufig nicht willig dem harschen Regime unterwarfen, sondern dass sie vielfältige Formen des Widerstandes fanden (Beharren auf eigenen Standpunkten, Widerstehen, Wahren eigener Werte und Positionen, "Tanzrituale", "Ngoma-Schlagen" und Biertrinken). Afrikanische Stationsbewohner schafften es manchmal sogar, Missionare und Militärs bzw. Justizbehörden geschickt gegeneinander auszuspielen, ohne dabei offenen Widerstand zu zeigen.

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Ein zentrales Beispiel für die Karriere eines Afrikaners unter dem deutschen Kolonialregime, die später zur Emanzipierung führte, ist die Biografie von Martin Ganyisha, die von Jürgen Becher beschrieben wird. Ganyishas Lebensweg führte von der sozialen und verwandtschaftlichen Entwurzelung über die Erziehung in christlichen Missionsstationen bis hin zur partiellen Emanzipierung in den Anfängen einer eigenständigen tansanischen Kirche.

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Der letzte thematische Abschnitt, "Eigene Wege", enthält drei Artikel. In "Disziplin und Tränen" beschreibt Eckert die britische Kolonialperiode in Ostafrika. Die britische Verwaltungserziehung afrikanischer Kolonialbeamter, so seine Hypothese, könnte für den Despotismus und die Volksferne manches tansanischen Politikers nach 1961 verantwortlich gewesen sein: Viele der Eigenschaften, die sie als afrikanische Politiker gezeigt hätten, wären ein Spiegel kolonialer Verwaltungsideologie wie beispielsweise bürokratischer Paternalismus, die fortdauernde Präferenz für Top-Down-Strategien und der Glaube, alles besser zu wissen als die Masse der Bevölkerung seien typische Merkmale.

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Der folgende Artikel von Eckert und Bromber greift die Fähigkeit von Kolonisierten auf, bestimmte europäische Machtinszenierungen für sich zu vereinnahmen: Im Oktober 1956, als sich die britische Herrschaft in Ostafrika langsam dem Ende zuneigte, fand ein Besuch von Prinzessin Margaret in Tanganyika statt. Die royal tour sah eine Reihe von Stationen vor, wo sich Afrikaner in Szene zu setzen versuchten.

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Mit dem letzten Aufsatz dieses Abschnitts von Eckert befinden wir uns in der Periode der Dekolonisierung. Illustriert wird der Übergang zur nachkolonialen Phase durch die Biografie von Patrick Kunambi, der in seiner Eigenschaft als Oberhaupt der Luguru ("Sultan von Uluguru") einerseits und Lehrer mit Universitätsabschluss andererseits die Rolle eines Vermittlers zwischen lokalen, traditionellen Herrschaftsinstitutionen, nationalen Parteien und kolonialen politischen Instanzen übernehmen konnte.

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Insgesamt ist der Sammelband sehr gelungen: Es besticht durch saubere, detailreiche Quellenarbeit. Die Erkenntnisse, die die Autoren daraus gewinnen, sind stets nachvollziehbar und manchmal überraschend. Besonders ist das Bestreben der AutorInnen hervorzuheben, aus bruchstückhaften Quellen ein dichtes und plausibles Bild des kolonialen Alltags Normalsterblicher zu zeichnen und sich nicht in der Beschreibung des Handelns von Eliten auf der Grundlage von Herrschaftsdiskursen zu erschöpfen. Dies gelingt besonders durch die Beschreibung von Einzelschicksalen und einzelnen exemplarischen Episoden. Afrikaner werden darüber hinaus als Handelnde beschrieben, die ihr Schicksal trotz aller Widerwärtigkeiten in die Hand zu nehmen versuchten und nicht als passive Opfer eines übermächtigen Kolonialregimes. Hier zeigt sich allerdings auch die Gefahr des Arbeitens mit Einzelbeispielen: Keinesfalls sollte vom Einzelnen auf alle geschlossen werden. So gab es Menschen, die räumlich vom Arm des Kolonialregimes zu weit entfernt waren und höchstens indirekt berührt wurden, andere Menschen, denen es nicht gelang, sich dem kolonialen Druck zu widersetzen, und schließlich eine relative kleine Gruppe von Menschen, die die Grenzen zwischen den Kontrollierten und den Kontrollierenden, zumindest teilweise, verwischen oder aufheben konnten.

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