Startseite / Archive / 2016 / Castryck, Geert, Silke Strickrodt und Katja Werthmann (Hg.) 2016. Sources and Methods for African History and Culture: Essays in Honour of Adam Jones
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Was ist Vergangenheit? Was können wir über sie wissen? In welchem Modus kommt die Erinnerung an Geschichten, Personen und Ereignisse auf uns? Wie werden Daten und Handlungen dokumentiert, bewahrt und gedeutet? Was gilt als bewahrenswert? Was fällt dem Vergessen anheim? Und wie kann man als Historiker*in mit Quellen, Überlieferungen und Artefakten umgehen? Der in Großbritannien geborene Historiker Adam Jones hat sich während der letzten vierzig Jahre aus vielfältigen Perspektiven mit diesen Fragen auseinandergesetzt und dabei entscheidend dazu beigetragen, die Beschäftigung mit afrikanischer Geschichte in der akademischen Landschaft der Bundesrepublik zu verankern. Anlässlich seiner Emeritierung haben nun drei seiner Schüler*innen und Weggefährt*innen, Geert Castryck, Silke Strickrodt und Katja Werthmann, eine Festschrift besorgt, die den vielfältigen Interessen und Ansätzen Jones’ Rechnung trägt und in insgesamt 36 Beiträgen in englischer, deutscher und französischer Sprache zeigt, auf welch fruchtbaren Boden seine Arbeit gefallen ist. Über die Würdigung eines Lehrers hinaus erhebt die Textsammlung dabei den Anspruch, das Forschungsfeld afrikanische Geschichte möglichst umfassend abzustecken und programmatisch wie methodisch zu umreißen.

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In insgesamt zehn Abteilungen greift der Band dazu einerseits die thematischen Schwerpunkte auf, die über die Jahre hinweg das Werk von Adam Jones geprägt haben, und entwickelt sie in konkreten Fallanalysen weiter, andererseits werden die übergreifenden methodischen und theoretischen Herausforderungen diskutiert, die sich bei der Beschäftigung mit afrikanischer Geschichte und Kultur ergeben. Grob folgt dabei die Sortierung der Beiträge einer chronologischen Ordnung, die – zufällig oder nicht – mit den unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen in Jones’ Werk konform geht.

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Dieser Logik entsprechend beginnt der Band mit Fragen zur Erforschung der vorkolonialen afrikanischen Vergangenheit. Dabei werden zwei Blickwinkel eingenommen. In den ersten vier Kapiteln geht es um Fragen der oralen Tradition, die sowohl programmatisch diskutiert als auch in Fallstudien aufgegriffen werden, die Kapitel 5-7 hingegen werten frühe europäische Quellen zur vorkolonialen Geschichte aus. Dabei belassen es die Autor*innen erfreulicherweise nicht bei einer neuerlichen Ausdeutung des Gegensatzpaars Oralität/Literalität, sondern beziehen auch materielle Objekte als Träger gesellschaftlicher und kultureller Erinnerung in die Analyse ein.

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Die dritte Abteilung, Kapitel 8-10, beschäftigt sich mit visuellen Quellen im weitesten Sinne: Landkarten, Fotografien und Mode. Hier werden sowohl konkrete Beispiele vorgestellt und diskutiert als auch grundsätzliche Forderungen formuliert. So können Karsten Jahn und Ute Wardenga überzeugend zeigen, wie afrikanische Stimmen noch in einem scheinbar vollständig europäischen Abstraktionsmedium wie der Kartographie Spuren hinterlassen und hörbar bleiben. Michaela Unterholzner hingegen gibt in instruktiver Weise eine Anleitung zur Verwendung von Fotografien als Quellen zur Geschichte Afrikas und plädiert für einen kontextsensiblen Umgang mit dem historischen Bildmaterial.

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Ähnlich heterogen gestaltet sich die vierte Abteilung, die in den Kapiteln 11-15 die Begegnung zwischen Afrikaner*innen und christlichen Missionen in den Blick nimmt. Auch hier finden sich Einzelstudien (von Karolin Wetjen, Anne Beutter und Paul Jenkins) neben Texten, die den Horizont einer Fallstudie bewusst überschreiten und versuchen, die Prinzipien der historischen Arbeit in allgemeingültiger Weise zu formulieren (Philipp Seitz und Lize Kriel). Die fünfte Abteilung (Kapitel 16-19) wirft einen neuen Blick auf die koloniale Vergangenheit Ostafrikas. Hier nimmt sich vor allem der Text von Manuela Bauche grundsätzlicher Fragen des Umgangs mit kolonialen Quellen an und liest medizinische Berichte der deutschen Kolonialverwaltung gezielt gegen den Strich. Die übergreifenden Fragen lauten dabei: Welcher Gewinn lässt sich aus der Lektüre von "biased sources" ziehen? Und was passiert, wenn wir die Scheingewissheiten historischer Quellen aus ihrer "Blackbox" befreien und nach ihren Entstehensbedingungen fragen? Im Ergebnis kann Bauche zeigen, wie etwa in medizinischen Berichten Biologie oder Physiologie immer schon kulturell überlagert sind und keineswegs stabile Kategorien ausbilden.

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"Afrikanische Stimmen" kommen in der sechsten Abteilung zu Wort (Kapitel 20-22). Diese Abteilung bildet insofern einen Sonderfall im Band, als in sie tatsächlich ausschließlich konkrete Fallstudien aufgenommen sind und keine programmatischen Überlegungen angestellt werden. In drei Beiträgen geht es hier um indigene Reaktionen auf die koloniale Situation, bevor dann in der siebten Abteilung (Kapitel 23-25) biographische Beispiele in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken – afrikanische ebenso wie die von Europäern in Afrika.

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Die Kapitel 26-29 beschäftigen sich mit den vielfachen Überlagerungen und Überschneidungen von europäischer und afrikanischer Geschichte unter dem Aspekt der Wissenschaftsgeschichte. Fragen nach einem angemessenen Umgang mit menschlichen Überresten werden darin ebenso behandelt wie die Problem einer nationalsozialistischen Ethnologie oder die Anwesenheit afrikanischer Studierender in Leipzig während des Kalten Krieges.

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Die neunte Abteilung (Kapitel 30-33) diskutiert grundsätzliche Fragen von Erinnerungskultur und Geschichtspolitiken. Insbesondere der Beitrag von Beatrix Heintze diskutiert ausführlich die Spannungen zwischen Geschichtsforschung und kulturellem Gedächtnis und weist auf den Zusammenhang zwischen geteilter Erinnerung und kollektiver Identität hin. Die zehnte und letzte Abteilung schließlich (Kapitel 34-36) fragt nach aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen in Afrika und sucht nach Möglichkeiten, diese in angemessener Weise zu erfassen und darauf zu reagieren. Beschlossen wird der Band durch einen kurzen Rückblick auf die 17. VAD-Konferenz in Leipzig, die von Adam Jones mitorganisiert worden ist.

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Der kurze Abriss lässt erahnen, wie heterogen der Band ist. Tatsächlich leiden Festschriften häufig sehr unter der fehlenden Kohärenz der Beiträge und bieten für jeden Etwas und für alle zu wenig. Das ist hier erfreulicherweise nicht der Fall. Im Gegenteil versucht der Sammelband gerade aus der Vielfalt eine Tugend zu machen und möglichst viele Aspekte der Beschäftigung mit afrikanischer Geschichte und Kultur aufzugreifen und zu beleuchten. Diesem Umstand dürfte es letztlich auch geschuldet sein, dass nur eine Minderheit der Aufsätze sich in Text oder Literaturverzeichnis auf den mit der Festschrift geehrten Adam Jones bezieht. Wer beim Wegweiser stehenbleibt, gelangt nicht ans Ziel. Borges kommt einem in den Sinn und sein "Garten der Pfade, die sich verzweigen". Jones’ Werk wäre dabei das Labyrinth, in dem das Nebeneinander von möglichen und aktualisierten Selektionen Möglichkeitsräume eröffnet und neue Pfade bahnt.

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Nicht jede Auswahl ist dabei glücklich, und nicht alle Beiträge sind von gleich hoher Qualität und Relevanz. Auch das aber ist bei Festschriften eher die Regel als die Ausnahme. Dessen ungeachtet haben es die Herausgeber*innen verstanden, die Beiträge thematisch so zu bündeln, dass zentrale Aspekte der historischen Arbeit zu Afrika – ob mit schriftlichen, bildlichen oder mündlichen Quellen – deutlich werden und zu weiterer Forschung anregen. Dazu trägt zweifellos bei, dass fast jede Abteilung mit wenigstens einem programmatischen Beitrag aufwartet, der entweder den Fragehorizont weit über das konkrete Beispiel hinaus erweitert oder aber tatsächlich in Form einer instruktiven Anleitung gehalten ist.

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Die einführenden Bemerkungen im "Präludium" hätten etwas ausführlicher ausfallen dürfen. Die einzelnen Beiträge werden zwar kurz erwähnt, jedoch inhaltlich kaum aufgeschlüsselt. Vermisst wird weiterhin ein wenigstens kurzer biblio-biographischer Hinweis auf die Autor*innen. In der Gesamtschau aber verfügt der Band durchaus über Handbuchqualitäten und lässt sich für Einführungsveranstaltungen zu afrikanischer Geschichte ebenso einsetzen wie als Einstiegs- oder Überblickslektüre über die thematische und methodische Vielfalt möglicher Annäherungen an Geschichte und Kultur des Nachbarkontinents.

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