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Ich möchte mich zuerst bei allen bedanken, die Interesse an Schriften in Afrika entwickelt haben. Aufrichtiger Dank richtet sich daher an Helma Pasch und Anja Kootz für ihre bemerkenswerten Bemühungen. Vielen Dank auch an alle, die zur Verwirklichung der Tagung „5000 Jahre Schrift in Afrika“ beigetragen haben. Insofern geht ein besonderer Dank an die Fritz-Thyssen-Stiftung, den Förderer der Tagung.

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"In aller Regel mündet der Strom der Rede ins Meer des Vergessens ein, es sei denn, er wäre eingedämmt und haltbar gemacht. Schrift und Gedächtnis sind die Konservierungsmedien, die das Reich des Vergessens und Vergehens unterminieren, ganz gleich, ob sie nun in Stein oder in die weichere Substanz des Herzens gravieren, wo viele Sprachen den Sitz Gedächtnisses lokalisieren. Allerdings wirken beide Medien im Kampf gegen den Tod auf sehr verschiedene Weise traditionsbildend und eröffnen je spezifische Möglichkeiten der Orientierung und Aneignung von Welt." Eine Meinung, die ich teile! Die Übersetzung des Gedichtes „Erlkönig“ von J. W. von Goethe ins Wolof hat mich mehr davon überzeugt.

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Die Wolof-Gesellschaft hat eine Reihe hochrangiger Philosophen und Redner hervorgebracht. Sie haben die moralischen, religiösen, und psycho-sozialen Werte unserer Gesellschaft in schönen sprachlichen Formen verfasst. Diese Werte sind meist als Märchen bzw. Sprichwörter von Generation zu Generation mündlich überliefert.

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"Es war einmal …", so begannen die Erzählungen und Märchen, die uns unsere Großeltern in der Wolof-Gesellschaft immer erzählten. Es war einmal ein junger Senegalese, der bei einem Wettbewerb im Goethe-Institut das Gedicht " Erlkönig " in seine Muttersprache Wolof übersetzen sollte. Der bin ich! Ich war damals der Preisträger! Was mich aber mehr überraschte als die Auszeichnung, die ich gerade bekam, war die Ähnlichkeit zwischen " Erlkönig " und einem der erzieherischen Märchen, die Großvater uns erzählte.

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Leider wurden viele dieser wunderschönen Sprichwörter, Geschichten bzw. Lehrsprüche verändert oder sind vollkommen in Vergessenheit geraten. Der Grund dafür ist zum Teil, dass sie nicht schriftlich festgehalten wurden, sondern von Generationen zu Generationen von Mund zu Ohr weiter gegeben wurden. Diese Tatsache bildet das erste Motiv für die Entwicklung der Saliou-Schrift. Während die mündliche Erzählung im Laufe der Zeit Umformungen erlebt, die meist durch die Laune bzw. die Stimmung des Erzählers oder die Soziallage u.a. diktiert werden, bietet die Niederschrift die Möglichkeit, Texte in gegebenen Formen unverändert an nachfolgende Generationen weiterzugeben.

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Das zweite Motiv für die Schaffung dieser Schrift ist die unzureichende Eignung der vorhandenen Lehnschriftformen, der Lateinischen und der Arabischen, zur Wiedergabe des Wolof.

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In der Tat haben muslimische Gelehrte die arabische Schrift modifiziert, um Wolof damit zu schreiben. Dieses Ajami wird auch Wolofal genannt. Sie wird allerdings nur von einer kleinen eingeschränkten Gruppe von Menschen - hauptsächlich für Briefe und für religiöse Poesie benutzt (s. M. Mumin 2008:71-78) : Das Wolofal - das muss in Erinnerung gebracht werden – ist die älteste Schriftform der Wolof-Sprache, abgesehen von den Versuchen des senegalesischen Anthropologe, Physiker und Sprachwissenschaftler C. A. Cheikh Anta Diops (1954), eine genetische Verbindung zwischen der Wolof-Sprache und dem Altägyptischen nachzuweisen. In der Tat hat Diop versucht, aufzuweisen, dass das Wolof aus dem Altägyptischen stammt.

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Das Wolof-Ajami verbirgt trotz seiner langjährigen Anwendung viele Unzulänglichkeiten. Serigne Cheikh Tidjane Sy, einer der großen senegalesischen Intellektuellen und Marabouts hat die Unzulänglichkeiten des Wolofal in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts in einer seiner Publikation aufgezeigt. Er hat weiterhin eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Schrift zur Behebung dieser Mängel gefordert. Vor allem werden unterschiedliche Phoneme durch das jeweils selbe Symbol wiedergegeben. Einige davon werden hier aufgelistet:

  • Die Phoneme /ŋ/, /ng/ und /g/ werden durch dasselbe Zeichen dargestellt.

  • Das Zeichen dient zur Wiedergabe von [ ɲ ], [c] und [nj]

  • Das Zeichen dient zur Wiedergabe von p und mb.

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Außerdem fehlt im Wolofal die Möglichkeit, halblange Vokale darzustellen. Seine Vokale sind entweder kurz oder lang.

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Das /∂/ fehlt auch im Wolof-Ajami (Wolofal). Daher gibt es keinen Unterschied in der Schreibung von „taw“ und „tëw“ sowie in der Schreibung von „gay“ und „gëy“... Serigne Cheikh Tidjane Sy hat dies in einer Kommunikation erwähnt und an Suche nach Lösungen gerufen.

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Neben dem Wolofal verfügt die Wolof-Sprache über eine nicht weniger mangelhafte Schriftform aus lateinischen Buchstaben. Diese Schrift ist 1971 durch Erlass zur Standardschrift erklärt:

  1. Décret n° 71-566 du 21 mai 1971 relatif à la transcription des langues nationales, modifié par décret n° 72-702 du 16 juin 1972.

  2. Décrets n° 75-1026 du 10 octobre 1975 et n° 85-1232 du 20 novembre 1985 relatifs à l'orthographe et à la séparation des mots en wolof.

  3. Décret n° 2005-992 du 21 octobre 2005 relatif à l'orthographe et à la séparation des mots en wolof.

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Sie zeichnet sich aber durch eine Reihe von Unzulänglichkeiten aus, was die Bearbeitung von Wolof-Texten nicht begünstigt.

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Sowohl die Qualität der Vokale des Wolof (offen oder geschlossen) als auch ihre Länge (lang, halblang, kurz) haben eine bedeutungsdifferenzierende Funktion. Die Schriftform aus lateinischen Buchstaben berücksichtigt diese Merkmale aber nur beim Vokal „a“: neben der kurzen Form, -a-, und der langen, -aa-, wird die halblange, -à-, graphisch dargestellt. Bei den anderen Vokalen werden nur kurze und die lange Formen unterschieden. Die halblangen Formen kommen im Schriftbild nicht vor. Diese Unzulänglichkeiten untersucht DEME (2005), ein senegalesischer Germanisten, Linguist und Afrikanist. Er schlägt eine Überarbeitung der Orthographie vor.

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Das letzte aber nicht weniger wichtige Motiv war eine deprimierende Beobachtung, die ich 2002 im Goethe-Institut, München machte. Zu Beginn des Deutschkurses erhielt ich die Mappe des Instituts, die mit der Begrüßungsformel „Guten Tag“ in dutzenden Sprachen in unterschiedlichen Schriften bedruckt war. Eine Entsprechung in Wolof oder einer anderen senegalesischen Sprache fehlte. Ich war so enttäuscht!

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Ich wollte aber keine Kritik üben, sondern suchte nach einer Möglichkeit, wie ich dieses Problem selbst lösen könne. Nach langer Überlegung wurde mir bewusst, dass unsere Sprachen zwar geschrieben werden können, dass sie aber über keine eigenen Schriften verfügen. Sie werden entweder mit lateinischen oder mit arabischen Buchstaben geschrieben, also Lehnschriften. Um diesem Missstand abzuhelfen, beschloss ich an diesem Tag, umgehend eine Schriftart zu entwickeln. Die Schriftzeichen kreierte ich anhand von Gegenständen aus der senegalesischen alltäglichen Umwelt. Mit folgenden Bildern werden einige dieser Zeichen aufgeführt.

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Die Komposition der gegebenen Formen und der dazugehörigen Bezeichnungen ist das Prinzip der Schriftzeichen der Wolof-Schrift Saaliw-wi .

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Nach der Schaffung dieses neuen Alphabets fühlte ich die Notwendigkeit, Texte damit zu schreiben. Als erstes fiel mir die Definition der Aufklärung von Immanuel Kant ein, die ich in Wolof übersetzt und mit den neuen Buchstaben schrieb. Sie bildet also den ersten Text, der mit dem Wolof-Saaliw-Wi [1] verfasst worden ist. Der ist in der obigen Tabelle sowie in der folgenden Abbildung zu sehen.

Wolof-ttf.

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Der Name – Wolof-Saaliw-Wi – ist acht Jahre jünger als die Schrift selbst. Er geht auf den Vorschlag „Saaliwiya“ von Meikal Mumin am 29.Dezember 2008 während der Tagung „5000 Jahre Schrift in Afrika“ zurück. Da mir dieser Name zu arabisch klingt, habe ich ihn umgeformt.

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Festgestellte Mängel in den bisherigen Lehnschriften haben mehr als einen Spezialisten der Wolof-Sprache beschäftigt. Unter ihnen Dakha DEME, Serigne Cheikh Tidjane SY aber auch Assane FAYE. FAYE hat 1960 eine eigene Schrift für das Wolof entwickelt, die aber nie verbreitet werden konnte. Ich selbst habe erst anlässlich der Tagung „5000 Jahre Schrift in Afrika“ dieser Schrift erfahren. Die Tagung hat auch viel zur Verbreitung des Wolof-Saaliw-wi beigetragen. Seitdem bekomme ich E-Mails und Anrufe von Landsleuten und Bekannten (auch von Unbekannten) aus dem Ausland, die sich an die neue Schrift interessieren. Darüber hinaus konnte ich auf dem „39th Colloquium on African Languages and Linguistics, 24-26 August 2009“ an der Universität Leiden/NL über das Wolof-Saaliw-wi berichten.

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Andriji Rovenchak von der Universität Lviv [2]/Ukraine hat gute Bedingungen geschaffen, um das Erlernen der neuen Wolof-Schrift zu erleichtern. Er hat im Januar 2009 den „True Typ Font“ (Wolof saaliw wi ttf.) entwickelt. Dafür richte ich meinen aufrichtigen Dank an ihn.

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Zum Schluss möchte ich auch zum Ausdruck bringen, dass die neue Schrift kein Allheilmittel ist. Sie ist vielmehr ein Beitrag zur Lösung der Probleme, mit denen die Wolof-Sprache als Schriftmedium konfrontiert ist. Sie hat auch ihre eigenen Mängel. Einer davon ist, dass es nur für solche Phoneme Zeichen gibt, die in der Wolof-Lautinventar aufgeführt sind, nicht aber für solche, die in Wolof nicht attestiert sind.

Quellen

Cheikh Anta Diop 1954 [1994]

Nations nègres et culture. Paris: Présence africaine

Deme, Dakha 2003

'Germanistique et Africanistique. Deux sciences interdisciplinaires.' Revue Sénégalaise de Germanistique AMO, N°5, Dakar

Kootz, Anja und Helma Pasch (Hg.)

5000 Jahre Schrift in Afrika. Kleine Schriften der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln 24. Köln: USB

Mumin, Meikal 2008

'Ajami: die arabische Schrift für afrikanische Sprachen.' In: Kootz, Anja und Helma Pasch (Hg.), S.71-78

Pasch, Helma 2008

'Die Osmaniya-Schrift von Somalia.' In: Pasch, Helma und Anja Kootz (2008), S.110-111)



[1] Wie bei der Osmania-Schrift Somalias (s. Pasch 2008:110f) soll der Name des Schrifterfinders sich in der Bezeichnung der Schrift widerspiegeln.

[2] Diese Stadt ist in Deutschland auch unter dem Namen Lemberg bekannt.

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