Startseite / Archive / 2010 / Leo Frobenius 2009. Animal Husbands, Magic Horns and Water Spirits. Folktales From Southern Africa.
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In den Jahren 1928 bis 1930 unternahm Leo Frobenius im südlichen Afrika die neunte seiner insgesamt zwölf Deutschen Innerafrikanischen Forschungs-Expeditionen. Von Kapstadt aus reiste der achtköpfige Expeditionstrupp über Pretoria bis zum Oberlauf des Zambesi im Gebiet des heutigen Zimbabwe. Unterwegs dokumentierten die Teilnehmer Felszeichnungen, untersuchten die materielle Kultur der durchreisten Gebiete und besuchten als erste Weiße die Königsgräber der Hungwe. Im Oktober 1928 erzwang ein Beinbruch Frobenius’ einen insgesamt siebenwöchigen Aufenthalt nahe Marandellas (Marondera), etwa 75 km östlich der rhodesischen Hauptstadt Salisbury gelegen, dem heutigen Harare. Dort, so scheint es, erwachte Frobenius’ Interesse an lokalen Volksmärchen. Er nutzte die Zeit seiner Rekonvaleszenz, um „Neger und Wilde“ auf der Veranda seines Hotels zu empfangen, und die von ihnen erzählten Märchen und Legenden zu notieren (18). Die während des unfreiwilligen Aufenthalts begonnene Arbeit sollte er während des gesamten weiteren Verlaufs der Expedition fortsetzen und so bis zum Abschluss der Reise insgesamt 431 Erzählungen sammeln. Nur ein Bruchteil dieser Texte lag bisher in publizierter Form vor. Gut 60 davon hatte Frobenius selbst in Erythräa (1931) und den Aufsatz Südostafrikanische Märchen (1931) aufgenommen, etwa vier Dutzend weitere fanden 1965 Eingang in Harald von Sicards Ngano dze Cikaranga: Karangamärchen. Die übrigen knapp 290 Erzählungen aber lagerten bislang unveröffentlicht im Archiv des Frankfurter Frobenius-Instituts. Sabine Dinslage hat sich nun der dankenswerten Aufgabe angenommen, die Texte in einer kritischen Ausgabe der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Herausgekommen sind dabei zwei Textbände und ein umfangreicher Indexband, die das von Frobenius gesammelte erzählerische Material systematisch wissenschaftlich erschließen.

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Frobenius selbst war nicht allzu gewissenhaft, was die Dokumentation der genauen Umstände seiner Textsammlung angeht. In der Regel hat er weder das genaue Datum noch den Ort noch das genutzte Medium noch die benutzte Sprache vermerkt. Dinslage hat in ihrer Bearbeitung der Texte den geographischen, linguistischen und ethnischen Kontext wo immer möglich rekonstruiert oder wenigstens eingegrenzt. Von Frobenius selbst wurde dabei die geographisch/ethnisch/linguistische Grobgliederung übernommen, die sich in der fortlaufenden Nummerierung der Texte widerspiegelt. Demnach entstammen die Geschichten insgesamt sieben Gruppen: den zu den Shona zählenden Zezuro, Manyika und Hungwe, den Tonga und Lemba sowie (in einem, bzw. drei Fällen) den Lozi und Yao. In Dinslages Apparat ist den zeitgenössischen Ethnonymen jeweils die aktuelle Bezeichnung angefügt. Eher spekulativer Natur ist notgedrungen der jeweils folgende Eintrag des analytischen Teils, bei dem die Sprache angegeben wird, in der die Texte vermutlich erzählt wurden. Da die handschriftlichen Aufzeichnungen Frobenius’ die einzige schriftliche Dokumentation der entsprechenden Erzählungen bilden, gibt es allerdings keinen letztgültigen Beleg für die Richtigkeit dieser Angabe. Die meisten Erzählungen wurden vermutlich von lokalen Dolmetschern ins Englische übersetzt und dann von Frobenius ins Deutsche übertragen und notiert. Es gibt Hinweise darauf, dass einst auch Tonaufnahmen und längere Transkriptionen existierten. Diese scheinen jedoch den Bombenangriffen auf Frankfurt gegen Ende des 2. Weltkriegs zum Opfer gefallen zu sein. Die über das gesamte Korpus verstreuten Einsprengsel phonetischer Transkriptionen indigener Ausdrücke lassen aber die vorgenommenen Zuordnungen wenigstens wahrscheinlich erscheinen.

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Der zweite Block des analytischen Teils ist vor allem editorischer Natur. Hier finden sich Angaben zu den Daten der Aufnahmen, der Art der Quelle (ein nicht unbedingt notwendiger Eintrag, da es sich in allen Fällen um „handgeschriebene Manuskripte“ handelt), der Referenznummer, unter der das Manuskript im Archiv des Frobenius-Instituts gefunden werden kann, sowie schließlich bibliographische Details zu eventuellen früheren Veröffentlichungen des jeweiligen Textes.

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Für Erzählforscher interessant sein dürfte vor allem der dritte Block des analytischen Apparats. Hier werden in fünf Unterpunkten die einzelnen Texte thematisch und motivgeschichtlich aus mehreren Perspektiven erschlossen. Zunächst werden sie entsprechend dem in den 80er Jahren am Seminar für Völkerkunde in Münster entwickelten Klassifizierungssystem für afrikanische Erzählungen erfasst. Die Unterteilung betrifft vor allem Genre- und thematische Aspekte. Handelt es sich um Tierfabeln oder Geschichten über den menschlichen Körper? Um ätiologische Erzählungen oder solche, die um das Zusammenleben der Menschen kreisen? Um Geschichten von übernatürlichen Phänomen oder Mythen? Und so fort. Die thematische Feineinteilung erfolgt dann über die von Dinslage vorgenommene Indizierung. Etwa 9.500 Einträge umfasst der von ihr erstellt Index und erlaubt so eine sehr präzise Orientierung innerhalb des Textkorpus. Die narrative Typologie von Aarne, Thompson und Uther hingegen, die sich als internationaler Klassifikationsstandard im Bereich der Erzählforschung weitgehend durchgesetzt hat, ist trotz einiger Erweiterungen in jüngerer Vergangenheit auf afrikanisches Material nach wie vor bestenfalls bedingt anwendbar und wird entsprechend sparsam herangezogen. Wo es möglich ist, werden die einzelnen Geschichten mit dem zugehörigen ATU-Index abgeglichen, insgesamt aber wird hier zu lediglich 71 der mehreren Tausend ATU-Indices eine Konkordanz hergestellt und werden diese nur einem knappen Drittel der Erzählungen zugeordnet. Verweise auf ähnliche Erzählungen innerhalb des Textkorpus’ werden ebenfalls in diesem Block vorgenommen. In einem letzten Punkt wird angegeben, ob es einen thematisch zugehörigen Eintrag in der Enzyklopädie des Märchens gibt. Im Anhang schließlich wird zusätzlich noch auf gut 70 Seiten eine Konkordanz zum Motivindex von Stith Thompson vorgenommen, werden Synonyme zu den Indexeinträgen aufgelistet und findet sich ein Glossar der indigenen Ausdrücke, die mehrheitlich mit Muttersprachlern abgeglichen wurden.

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Ein Problem, das sich angesichts des Umfangs der Sammlung stellte, war, wie man die Texte einem internationalen Publikum zugänglich machen soll. Eine einigermaßen wortgetreue Übertragung ins Englische hätte nicht nur den Umfang der Publikation nochmals stark anwachsen lassen, sie hätte letztlich auch nur noch einen weiteren Schritt weg von der Originalfassung bedeutet. Nun vertrat Claude Lévi-Strauss vor einem guten halben Jahrhundert die Auffassung, dass auf der Ebene der Mythen der Wert der Formulierung traduttore traditore „praktisch gegen Null“ strebe. Worauf es ankäme, sei allein der Inhalt, die Mytheme – oder im Falle von Volksmärchen vielleicht eher Narrateme. Diese These ist freilich nicht unumstritten. Neuere Ansätze der Erzählforschung gehen im Gegenteil davon aus, dass ein zentrales Element von Mythen und Erzählungen gerade in der Praxis ihrer Aufführung liegt. Demnach ginge es keineswegs nur darum, was erzählt wird, sondern auch, wenn nicht sogar vor allem darum, wie dies geschieht. Genrekonventionen spielen dabei ebenso eine Rolle wie wiederkehrende narrative Muster. So wird man beispielsweise im Deutschen schwerlich ein Märchen ohne die einleitende Phrase „Es war einmal“ beginnen lassen, und kaum jemand würde bei der Wiedergabe von Rotkäppchen den durch die Repetition der Frage „Großmutter, warum hast du so große ...“ erzeugten Spannungsbogen leichthin einer gekürzten Zusammenfassung opfern („Nachdem Rotkäppchen den Wolf nach der Größe von Augen, Ohren und Mund gefragt hatte, sprang dieser aus dem Bett und verschlang das Mädchen“).

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Ähnliche (vor allem repetitive) Strukturen lassen sich in den deutschen Texten der Sammlung teilweise noch erkennen (auch bei Frobenius schon gelegentlich abgekürzt: „Dann sagten sie [etc. wörtliche Wiederholung] zum ...“ [53]). Die Frage stellt sich also, ob viel gewonnen wäre, hätte man sie neuerlich ins Englische übersetzt. Dinslage hat sich dagegen entschieden und stattdessen ihre Transkriptionen von Frobenius’ Aufzeichnungen lediglich mit einer groben Inhaltsangabe auf Englisch versehen. Ein Teil des Inhalts bleibt dabei notgedrungen auf der Strecke, ebenso wie die Details der narrativen Struktur der Geschichten. Als großer Verlust mag das allerdings nicht erscheinen. Eher im Gegenteil ermöglichen die englischen Kurzfassungen dem Leser gerade bei den längeren Erzählungen eine rasche Orientierung.

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Dennoch verharrt das Werk insgesamt seltsam unentschlossen zwischen den Sprachen. Zu den expliziten Zielsetzungen des Editionsprojekts gehörte es, den afrikanischen Gesellschaften, aus denen die Erzählungen stammen, einen Zugang zum oralen Erbe ihrer Kulturen zu eröffnen. Gerade für diese Zielgruppe aber wäre eine Übersetzung des Textkorpus ohne Zweifel wünschenswerter gewesen als beispielsweise die Übertragung von Namen wie Deutsche Forschungsgemeinschaft ins Englische. In der vorgelegten Form wird zudem bereits durch die typographische Gestaltung (der deutsche Text ist um zwei Punkt größer gehalten als der englische und der analytische Apparat) und die Konkordanz zur Enzyklopädie der Märchen deutlich, dass die Bände sich letztlich vor allem an eine deutschsprachige Leserschaft wenden. Daran ist nichts auszusetzen, doch wäre es dann auf den ersten Blick sinnvoller gewesen, den Text einfach insgesamt in deutscher Sprache zu halten und auch den Index entsprechend zu gestalten. Wenn dies nicht geschah, so wohl vor allem mit Blick auf die geplante Digitalisierung der Zusammenfassungen und des wissenschaftlichen Apparats. Der englischsprachige Teil des Werks wird voraussichtlich 2011 ins Netz gestellt werden und kann dann wenigstens in verkürzter Form einlösen, was der Printfassung (nicht zuletzt wegen des vergleichsweise hohen Preises) nur ansatzweise gelingt: das Korpus südafrikanischer Volksmärchen und Legenden auch jenen wieder erinnerbar zu machen, in deren Gesellschaften die Geschichten einst erzählt wurden.

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