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Johann Gottlieb Christaller an Emilie:

Bemerkungen ├╝ber die Seereise, ├╝ber das Schiff und die Passagiere

(an Bord der 'Cleopatra', 30. Juni 1862)

M1,62 G C 5

<1>

Meine liebe theure Emilie! [...] Unsere Reise von London nach Liverpool gieng gut von Statten, ebenso unsere Seereise bis dahin. ├ťber den Canal von Boulogne nach Folkstone waren wir mit Ausnahme von Br. Mader alle seekrank, dagegen auf der Cleopatra blieben wir, mit Ausn. von Frau Mader, verschont. Das Wetter war bisher recht gut, entw. heiterer oder bedeckter Himmel, die See ziemlich ruhig, u weil man von Liverpool aus nicht gleich in das offene atlant. Meer kommt u unser Schiff ein gr├Â├čeres ist, so waren die Schwankungen nicht stark genug, um Seekrankheit hervorzurufen. Fr Mader blieb die ersten Tage, weil sie auch sonst nicht wohl war, in der Kabine, ich h├Ârte nur einmal, sie habe sich erbrechen m├╝ssen, sie f├╝hlt sich aber immer noch schwach u sieht angegriffen aus. Br. David hatte Verstopfung u f├╝hlte sich nicht ganz wohl, ich nahm von London eine Heiserkeit mit, die sich bald mehr in Schnupfen verwandelte.

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[...] Unser Schiff kann 870 Tonnen Ladung f├╝hren, u hat Raum f├╝r 35 Passagiere in Vorderkabinen u 100 in Hinterkabinen (und auf dem Deck. Die letztere Zahl finde ich auf einem Papier angegeben; wo aber ordentl. Schlafstellen f├╝r soviele sein sollen, wei├č ich nicht. Wahrscheinlich ist der Raum mit sonstiger Ladung gef├╝llt.) Die Zahl der Fore Cabin Passengers ist etwa 30, meist Kaufleute, 4 Doctoren u 1 Schiffsdoctor, 1 oder 2 Offiziere, es sind au├čer Engl├Ąndern auch Franzosen u je 1 Deutscher, 1 Italiener, 1 Spanier, 1 Portugiese, 1 Neger nach Sierra Leone; Ladies nur noch 1 Mulattenm├Ądchen und 1 black lady, sie geht nach Fernando Po, wohin sie ihr Br├Ąutigam f├╝r 16 Monate nach England geschickt hatte. Es sind ordentliche Leute unter den Passagieren, auch die Stewarts sind gef├Ąllig, der Kapit├Ąn l├Ą├čt sich nicht viel herab oder ist ziemlich theilnahmslos. An Gottesdienst dachte man gestern nicht, nur der junge Schiffsdoctor sprach mit mir u Mader redete mit einem Passagier dar├╝ber.

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[...] Die Vorderkabinen sind nicht auf das Gesamtverdeck gebaut, sondern unter demselben, die Kaj├╝te ist sch├Ân u ger├Ąumig, auch ein Clavier darin. Vom Steuerrad bis zum Kamin ist auf dem Vorderdeck bei den Seiten ein Spazierweg von 50 Schritten L├Ąnge, die Breite des Schiffes ist 10-12 Schritte.

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[...] In Christiansborg werden wir Regenzeit treffen, in 3 Wochen hoffe ich in Chr(istiansborg) oder Aburi zu sein.

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Nun zu Deinem lb Brief: Ihr seid wohl geblieben, die Kinder recht munter, das ist ja gewi├č Dankens werth. Sage der lb Martha, wenn ichs auch nicht geh├Ârt habe, wie sie sch├Ân singen, so habe ich doch eine Freude gehabt, weil Du mirs geschrieben. Dem lb Gottreich sag, ich sei wohl mit dem Schnellzug gefahren, durch Frankreich u nachher durch England, aber immer weiter weg von ihm und jetzt fahre ich mit dem Dampfschiff, aber die n├Ąmliche Sonne, die bei Euch scheint, die scheint jetzt auch bei mir auf dem Meere und derselbe Heiland, der Euch sieht u beten h├Ârt, der sieht u h├Ârt auch mich u bei ihm wollen wir alle Tage zusammenkommen. [...] (Folgt geistlicher Zuspruch wegen etwaiger Tr├╝bsal durch die Trennung und Hinweis auf etwaige Geldzuwendung f├╝r die Familie.

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