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Johann Gottlieb Christallers Reisebericht an Mutter und Schwester ĂŒber die Fahrt nach und die Ankunft in Afrika und zuletzt in Akropong

(Akropong, 1.-3. Febr. 1853)

Nbrg JG Chr 19

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Geliebte Mutter, Schwestern, Verwandte und Freunde!

Bis hieher hat mir der Herr geholfen. Lobe den Herrn meine Seele! So mußte ich abermals sagen, als ich am letzten Freitag Abends 6 1/2 Uhr glĂŒcklich anlangte an diesem Orte, den mir der Herr zu meiner nunmehrigen Wohnung und ArbeitsstĂ€tte angewiesen hat. Ich hatte das wohltuende GefĂŒhl frĂŒher nicht gekannt, das sich an jenem Abend und noch mehr am anderen Morgen bei mir einfand, als ich allein in meinen eigenem StĂŒbchen war (vorderhand wurde mir das einzige Gastzimmerchen auf der Station in Br(uder) Widmanns Haus eingerĂ€umt) und denken konnte: hier ist also, wills Gott fĂŒr lĂ€ngere Zeit meine BleibstĂ€tte, der Ort meiner Bestimmung, das Ziel meiner Reise, meiner Sehnsucht ist erreicht und bald werde ich in die regelmĂ€ĂŸige Arbeit eintreten können.

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Es war mir wirklich recht heimisch zu Muthe, und ich denke, kein irdisches Heimweh oder Unzufriedenheit soll dieses GefĂŒhl verdrĂ€ngen, dagegen die Sehnsucht nach dem wahren Vaterlande, nach der ewigen Heimat, die darf und soll ĂŒberwiegend werden. Ich erinnerte mich der Worte: 'Der Vogel hat sein Haus gefunden und die Schwalbe ihr Nest, da sie ruhen können', sowie der Redensart der Odschineger: 'Mein Herz ist gefallen oder liegt (= ruht) in meinem Bauch', d.h. ich bin fröhlich, vergnĂŒgt; sie haben noch mehrere Ă€hnliche AusdrĂŒcke, die mir im Allgemeinen als Bezeichnung der Freude nicht recht gefallen oder genĂŒgen wollen. So ist es auch nicht Ruhe oder Bequemlichkeit, die mir in Aussicht steht, sondern Arbeit ist es, wonach mein Herz verlangt u wozu es mich drĂ€ngt. Wenn die Neger kommen uns zu besuchen, wenn ich ihnen auf dem Weg begegne, wenn ich sie in dem von Widmanns Hause u einigen NegerhĂŒtten gebildeten Hofe durch das eine meiner Fenster hindurch (das statt der Glasscheiben nur Jalousien hat) reden höre, und ich verstehe fast gar nichts. Gerne hĂ€tte ich vergessen und gelassen, was dahinten ist u mich alsbald auf die Sprache geworfen, aber Euch durfte ich doch nicht vergessen, Ihr gedenkt ja meiner so fleißig, und in dem Briefchen von Sierra Leone aus hatte ich eine Reisebeschreibung versprochen. Doch in den ersten Tagen hatte ich auszupacken, mich einzurichten, Besuche zu empfangen und zu machen, mich mit den hiesigen VerhĂ€ltnissen und den Schullehrerzöglingen bekannt zu machen u dabei fĂŒhlte ich mich von der 1-monatlichen Reise auf dem Dampfschiff, auch von der Buschreise am Freitag von morgens 3 Uhr an, bei den VerĂ€nderungen in Clima u Lebensweise ziemlich matt u der Ruhe, besonders des Kopfes bedĂŒrftig. Auf dem Schiff ließ die ErschĂŒtterung von der Maschine das Schreiben nicht zu, man mußte froh sein, lesen zu können u auch das greift den Kopf mehr an, der durch das mannichfaltige Gepolter, Gehacke, Gerassel usw der verschiedenen Theile der Maschine schwach und blöde gemacht wird.

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Die Dampfschiffe, welche nunmehr jeden Monat nach Afrika gehen, haben keine RĂ€der, sondern Schrauben, die mit Schauffeln versehen sind, welche im Wasser arbeiten u so das Schiff vorwĂ€rts bringen, ich sah sie aber nicht u kanns auch nicht nĂ€her erklĂ€ren. Unser Schiff heißt 'Forerunner', d. h. Vorrenner, VorlĂ€ufer (in der Bibel auch von Joh. dem TĂ€ufer gebraucht), es ist daher das kleinste von den Schiffen von der betreffenden Dampfschiffahrtsgesellschaft, die ĂŒbrigen, wie sie (in den Monaten Jan.-April) nacheinander nach der WestkĂŒste Afrikas abgehen sollen, heißen: Faith, Hope, Charity, Northern Light, d.h. Glaube, Hoffnung, Liebe, Nordlicht, die beiden ersten von 900, die zwei letzteren von 1.050 Tonnen, wĂ€hrend unser Forerunner nur 400 Tonnen oder weniger hĂ€lt. Die Charity, welche noch nicht ausgebaut ist, soll schöne Einrichtungen fĂŒr 85 Reisende erster Classe bekommen, wĂ€hrend unser Schiff nur 17 aufnehmen kann. Wir hĂ€tten eigentlich der Ersparnis wegen 2ter Classe nehmen sollen, (die ĂŒbrigens die gleiche Kost haben sollen) aber unser Schiff hatte keine solche u die Fahrt war doch nicht theurer, dagegen schneller u angenehmer als frĂŒher mit den Segelschiffen. Das einzige Unangenehme ist, daß das Gehirn zu sehr erschĂŒttert wird, was ein Arzt in London bei dem Bruder Majer bei diesem als fĂŒr die Gesundheit nachtheiligen Umstand bezeichnet hatte. Auf dem großen Dampfschiffen wird es auch in diesem StĂŒck besser sein.

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Von Plymouth aus habe ich Euch geschrieben. Wir hatten auf der Eisenbahn vom 23. Dez. Nachts 9 Uhr bis 24. Dez. Vormittags 9 Uhr einen Weg von etwa 100 Meilen zurĂŒckgelegt u konnten, in Plymouth angelangt, all unser GepĂ€ck auf einem Karren sogleich nach dem Hafendamm, neben dem unser Forerunner lag, wegbringen lassen. Der Weg war, da es viel geregnet hatte, sehr schmutzig. Br. Steinhauser und ich vollendeten unsere Briefe, theils in dem Waarenschuppen, in dem unser GepĂ€ck war, theils in dem Wirthshause, wo wir 1 oder 2 Schilling fĂŒr das Zimmer, das doch das allgemeine Gastzimmer war, u 5 1/2 Schilling kostete, so daß wir das Wirthshaus nicht mehr zu betreten wagten, obwohl wir fast nirgends einen Platz zum Sizen (= Sitzen) fanden. Nachmittags - ich war inzwischen in der Stadt gewesen, um die Briefe auf der 1/2 Stunde entfernten Post abzugeben - begaben wir uns auf das Schiff u bezogen unsere Kabinen; die waren nun recht nett, aber auch sehr klein. Br. Steinhauser u ich sowie Br. BrĂ€tschin u Plessing mußten je miteinander eine Doppelkabine beziehen, d. h. eine mit 2 Betten, sonst war nicht viel mehr Raum als in den anderen. Mir fiel das Loos nicht aufs lieblichste, da ich als der kleinere auf ein erhöht, aber in der Quere eingebrachtes Lager zu liegen kam, u da die Hauptbewegungen des Schiffes nach beiden Seiten gehen, rutschte des Nachts einmal der Kopf herab u der Leib sank zusammen u gleich darauf war der Kopf wieder nach hinten gerutscht und die FĂŒĂŸe waren höher. Da wollte es oft nicht recht gehen mit dem Einschlafen, besonders in den NĂ€chten wo wir Sturm oder doch rauhe See hatten u zu den klopfenden SchlĂ€gen der Maschine, die bis in die Fingerspitzen den ganzen Körper erschĂŒtterten u zu dem sonstigen GerĂ€usch das Geschrei der Matrosen oder des KapitĂ€ns kam. Die gute Schwester Diez hatte am meisten von Schlaflosigkeit u Kopfweh wie auch von der Seekrankheit zu leiden.

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Unsere Mitreisenden waren 10 englische Offiziere von einem Regiment, das Leute fĂŒr die afrikanischen Besi(t)zungen zu liefern hat; sie wechseln aber alle Jahre (die Wesleyanische Missionsgesellschaft lĂ€ĂŸt ihre westafrikanischen Missionare nach 3 Jahren zurĂŒckkehren zur Erholung oder um sie zu versezen, die englische Kirche nach 4 Jahren); ihre Soldaten sind natĂŒrlich Neger. Es waren 3 Hauptleute, 4 Lieutenants, 3 FĂ€hnriche, einer von den ersten war glĂ€ubiger Christ, dessen Taschenbibel ich es ansah, daß er sie fleißig braucht. Er nahm bei Tische gewöhnlich das andere Ende der Tafel ein dem SchiffskapitĂ€n gegenĂŒber und wir saßen ihm zunĂ€chst auf beiden Seiten. Sein Name ist Captain Brabazon, er war vorher in Westindien gewesen wie einige der anderen. Er erzeigte Schwester Diez und uns viele GefĂ€lligkeiten und wir konnten ihn recht schĂ€zen und lieben. Er glaubte nach Sierra Leone zu kommen, aber der Gouverneur von Gambia behielt ihn dort.

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Doch ich will nun an die eigentliche Reisebeschreibung: Am Freitag, d. 24. Dez., also am Christabend - weswegen auch 2 ChristbĂ€ume mit grĂŒnen BlĂ€ttchen u rothen Beeren an dem Gipfel zweier MastbĂ€ume befestigt waren, welche die ganze Zeit ĂŒber drauf blieben - wurden um 4 Uhr Nachmittags die Anker gelichtet (wobei die Matrosen jedesmal einen eigenthĂŒmlichen Gesang anstimmten) u unter 3 maligem gewaltigen Hurrah der ZurĂŒckbleibenden, welches von unserer Schiffsmannschaft erwidert wurde, lief das Schiff aus dem inneren kleineren Hafen in den Ă€ußeren sehr gerĂ€umigen hinaus u gewann bald die hohe See. Wir schauten von dem Hinterdeck des Schiffes (ĂŒber den Kabinen und dem Speise Saloon), das die FlĂ€che auf dem Schiff darbietet, lange nach der schönen Hafenstadt u ihren Umgebungen zurĂŒck, und als wir endlich wegen der Entfernung u Dunkelheit nichts mehr von der KĂŒste unterscheiden konnten, hefteten wir unsere Augen auf den Schimmer des Leuchtthurms bis auch dieser entschwand. Auf der hohen See aber giengen die Wellen höher als im Hafen, die Schwankungen des schmalen Schiffes waren ziemlich groß, wir mußten uns sizend oder stehend festhalten wie wir konnten, Schwester Diez mußte sich zuerst in ihre Kabine herab begleiten lassen, um 6 Uhr etwa gieng es zum Mittagessen, wozu wir aber schon keinen ungestörten Appetit mehr mitbrachten, ich konnte nicht lange bleiben, sondern mußte der Seekrankheit nachgeben. Die Offiziere, soviel ihrer an die Tafel kamen, zogen sich nacheinander meist sehr ruhig in ihre Kabinen zurĂŒck. Bruder Plessing hielt am lĂ€ngsten aus. Er allein mußte sich glaub ich gar nicht erbrechen (in den StĂŒrmen der Nordsee war`s ihm auch schlimmer ergangen).

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Der Wind war ungĂŒnstig, wir hatten bald Sturm, in dieser ersten Nacht konnten wir wegen der großen Schwankungen und unseres Übelbefindens gar nicht zum Auskleiden kommen, sondern legten uns wie wir waren auf unsere Lager. Obwohl es arg zugieng in dieser Nacht - kein Stuhl blieb stehen, die sehr zweckmĂ€ĂŸig aufgehĂ€ngten GlĂ€ser u Lampen ĂŒber der Speisetafel klirrten, was herabfallen konnte, flog auf dem Boden herum, der Nachttopf in Schwester Diez Kabine zerbrach, der unsrige fiel um usw - so schlief ich doch die meiste Zeit.

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Endlich am Morgen stand das Schiff stille u wir waren zu unserer großen Überraschung wieder im Hafen von Plymouth. Ein Duzend anderer Schiffe lagen in weitem Halbkreise, meist nĂ€her dem Lande zu, um unser Schiff her. Nun konnten wir doch in Ruhe und stillem Frieden unser Christfest zusammen feiern, ebenso den darauffolgenden Sonntag: Wir saßen oder lagen meist auf dem Verdecke, so gut als möglich uns gegen die KĂ€lte schĂŒzend. Ganz wohl war keines, aber die Schwankungen des stille liegenden Schiffs waren in keinem Vergleich zu bringen mit denen in der ersten Nacht. Unser Appetit war nicht groß, besonders da die Hauptsache beim FrĂŒhstĂŒck sowohl um 1/2 9 Uhr als beim Mittagessen um 4 Uhr aus gebratenem, grĂ¶ĂŸtentheils sehr fettem Fleisch bestand. Brod, Butter, Zwieback, KĂ€se (was man auch tĂ€glich um 12 Uhr haben konnte, die EnglĂ€nder nennen es lunch oder luncheon) wurden meinem sonst so unverdorbenen Appetit fast fĂŒr die ganze Seereise entleidet. Außer den frischen FleischvorrĂ€ten fĂŒr die erste Zeit befanden sich auf dem Schiffe ein paar Schafe (diese nicht lange) HĂŒhner, Enten u ein paar GĂ€nse, 2 Schweine. Eier hatten wir in der ersten Zeit einigemal beim FrĂŒhstĂŒck, wo wir Kaffee regelmĂ€ĂŸig dem Thee vorzogen.

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Beim Mittagessen gab es gewöhnlich zuerst ein wenig Suppe, die uns am besten schmeckte, aber am spĂ€rlichsten war. Dann wurde die ganze Tafel voller Platten und SchĂŒsseln gestellt, wo man wĂ€hlen konnte, was einem beliebte von verschiedenartigem Fleisch u Kartoffeln, RĂŒben, gelben RĂŒben (in StĂŒcken ohne BrĂŒhe). Wir waren froh, wenn das Fleisch nicht gerade vor uns hingestellt wurde, daß wir es nicht zerlegen mußten. Kartofffeln oder andere Gerichte, die man mit dem Löffel austheilen konnte, ĂŒbernahmen wir gerne u ließen uns dagegen von den EnglĂ€ndern, die das Tranchieren gewohnt sind, mit Fleisch bedienen. Wenn an einer englischen Tafel einer etwas haben will, das nicht in seiner NĂ€he steht, darf er nur seinen Teller hinschicken und wĂ€re es das andere Ende einer langen Tafel. 2 Stewardes oder Speisemeister waren AufwĂ€rter. Unsere Tafel war mit 17 auf 10 Personen gerade vollstĂ€ndig besezt. Schwester Diez, die einzige Lady auf dem Schiff, wurde immer von dem, der etwa das Beste vor sich hatte, oder dem Steward befragt und zuerst bedient, in den ersten 10 Tagen aber konnte sie am wenigsten essen u kam oft gar nicht an den Tisch.

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Am Montag, d. 27. Dez., kam ein Boot von der Stadt her, das einen Taucher mitbrachte, der die Schraube unter dem Schiff untersuchen sollte (der KapitĂ€n war vorher am Lande gewesen, auch kam fast jeden Tag ein Boot mit Briefen). Der Mann hatte eine wasserdichte Kleidung, die Ärmel waren am Handgelenk durch einen starken Ring von Gummilasticum verschlossen, zuletzt wurde ihm ein bleierner Helm aufgesezt, der vorne mit einem Fensterchen mittelst Einschraubens verschlossen wurde. So stieg er, ein Messer in der Hand, hinab und unter das Schiff, wĂ€hrend 4 Mann im Boot ihm frische Luft zu- und die verbrauchte Luft herauspumpten mittelst einer 3 fachen Pumpmaschine u ĂŒber RöhrenschlĂ€uche. Wenn er mehr oder weniger Luft brauchte oder heraufgezogen sein wollte, gab er durch Ziehen an dem Stricke, den er mitgenommen, Zeichen. Das erstemal brachte er ein theilweise rostiges StĂŒck Seil oder Tau herauf, das um die Schraube gewickelt war, wie es mir schien, das 2temal sah ich nichts der Art. Erst am Dienstag d. 28. Dez. glaubte unser KapitĂ€n wieder auslaufen zu können u zwar Mittags 1 Uhr, die See wurde aber wieder sehr rauh u ungestĂŒm u das Wetter stĂŒrmisch, wir hatten ein Nacht eher noch schlimmer als die erste u Morgens 4 Uhr ließ der KapitĂ€n das Schiff abermals drehen zu RĂŒckfahrt nach der KĂŒste Englands. Dazu brauchten wir aber den ganzen Tag; ich lag meist im Bette. Als man die KĂŒste wieder sah, gieng ich aufs Verdeck, die Zeit wurde mir aber lange u es wurde Abend, bis wir in den Hafen von Falmouth einliefen u uns nun wieder etwas erholen konnten, obwohl uns die Verzögerung unserer Reise schmerzte.

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Wir mußten noch warten bis zum Mittag des 31. Dez., wo das Schiff das 3temal auslief um nicht wieder umzukehren. Aber an ein Aufbleiben oder trauliches Zusammensizen, um gemeinsam das alte Jahr zu beschließen, war bei uns nicht zu denken. Den anderen Morgen, am Neujahrsfest, gieng ich sobald als möglich aufs Verdeck, denn in der KajĂŒte waren die Schwankungen viel fĂŒhlbarer, u hielt mir im Stillen eine Neujahrspredigt ĂŒber die Worte eines engl. Kalenderchens auf diesen Tag: bis hieher hat uns der Herr geholfen. Es ließ sich viel hieran anknĂŒpfen u obwohl ich Ă€ußerlich noch keinen so trĂŒben Neunjahrstag erlebt habe, war es doch innerlich vielleicht das Gegenteil.

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In der Nacht darauf konnte ich fast gar nicht schlafen u die folgenden Tage brachten immer wieder stĂŒrmisches u regnerisches Wetter, sodaß wir uns nicht mehr auf dem Verdeck zusammen finden konnten, wo bisweilen einer etwas vorlas, wĂ€hrend wir mit soviel Röcken u MĂ€nteln als möglich bedeckt mit den RĂŒcken aneinander gelehnt zusammen saßen. Der Wind, der uns fast entgegen kam, war immer durchdringend kalt, so daß wir uns ein paarmal durch zu langes Obenbleiben durch u durch erkĂ€lteten, aber wenn man oben war, graute einem vor dem Hinuntergehen, und unten besann man sich, ob man sich dem kalten Winde droben aussezen solle.

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Bei Tisch mußte man sizen, wie man sich mit seinem Stuhle am besten festhalten konnte, es waren zwar 4-fache Rahmen der LĂ€nge nach auf dem Tisch angebracht fĂŒr die Teller auf beiden Seiten u die SchĂŒsseln u Platten in der Mitte, daß sie nicht so leicht rutschen konnten, aber die Neigung nach der einen oder anderen Seite war doch oft zu groß, sodaß der Inhalt eines Geschirrs auf Tischtuch oder was in der NĂ€he war verschĂŒttet wurde, die Schinkenschnitten z.B. einmal in einer KaffeebrĂŒhe lagen u.s.w. Doch ich bin zu umstĂ€ndlich geworden und muß vorwĂ€rts eilen.

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Am 5. Jan. bekamen wir schöneres Wetter u besseren Wind, in der FrĂŒhe stand das Schiff still, damit die Matrosen desto bequemer die Segel an allen 3 MastbĂ€umen ausspannen konnten u nun gieng es mit Dampf u Segeln zugleich Madeira zu, das wir am 7. Morgens ziemlich nahe zu Gesicht bekamen. Wir fuhren aber noch mehrere Stunden darauf zu u an der Insel hin, bis wir um 4 Uhr vor der Hauptstadt Funchal Anker warfen. Unsere ReisegefĂ€hrten giengen ans Land in einem der hĂŒbschen Boote, die herangekommen waren, wir wollten fĂŒr jeden den Schilling Fahrgeld sparen, da wir ja die schöne Stadt so nahe vor uns hatten u viele Leute an Bord kamen, von denen wir Orangen, Feigen u StrohhĂŒte kauften. Das Schiff nahm hier Steinkohlen, auch Wasser ein. Gegen Abend gieng`s weiter, die See war nun ruhig u das Wetter warm. Am nĂ€chsten Morgen konnte man bald den Pik von Teneriffa erblicken, der 12.000 Fuß hoch ĂŒber das Meer hinaufragt. Wir kamen gegen 10 Uhr Nachts vor Santa Cruz, dem Hauptort der Insel an. Wie vor Madeira wurde eine Kanone abgeschossen, der KapitĂ€n ließ die Pfeife an den Dampfmaschinen ertönen, Raketen aufsteigen, zĂŒndete außerordentlich hell brennendes Licht an, aber alles vergeblich, kein Boot kam vom Ufer, daß der KapitĂ€n hĂ€tte die Postsachen abliefern u abholen können, er mußte warten. Ein weiterer Reisender kam aufs Schiff, KapitĂ€n Lynch, abgesandt von der Regierung der Vereinigten Staaten Nordamerikas, um die FlĂŒsse in dem Negerfreistaate Liberia zu untersuchen. Es ist derselbe, der vor einigen Jahren bei einer Expedition war, die den Lauf des Jordans u die Tiefe u Beschaffenheit des todten Meeres erforschte.

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Um 4 Uhr erst gieng's wieder fort, abends hielten wir 5 eine liebliche Konferenz zusammen ĂŒber den 34. Psalm. Morgens hatten wir eine deutsche Predigt zusammen gelesen. Der Schiffsgottesdienst fiel diesmal aus, am 2. Jan. hatte der KapitĂ€n aus dem Gebetbuch der engl.Staatskirche die Liturgie, Gebete u Bibelabschnitte gelesen u unser Freund KapitĂ€n Brabazon hatte dabei geantwortet.

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Am 10. u 11. war die See wieder rauher, der Wind war kalt, obwohl er von Afrika, u zwar von der Sahara herkam - aber es war eben die afrikanische Harmattanzeit u der Harmattan ist immer kalt u trocken. Am 12. war das Wetter wieder schön. Des Abends konnten wir uns an dem phosphorischen Leuchten des Meerwassers an den Seiten des Schiffes wie den von dem Schiff verursachten Wellen ergözen; wo der Kiel des Schiffes die Wogen durchfurcht hatte, ließ er eine ganz leuchtende Straße etwa so lang als das Schiff hinter sich zurĂŒck. Am 13. Morgens steuerten wir an dem GrĂŒn der Vorgebirge vorbei auf Goree zu, eine Insel auf einer den Franzosen gehörenden Festung u einer Negerstadt, die aber, besonders zunĂ€chst dem Meere einem ausgebrannten Ruinenhaufen gleich sah. Es mußte wirklich ein Brand stattgefunden haben, aber wo man keine so deutlichen Spuren wahrnahm, sah es doch nicht viel anders aus. Auf dem Fort u am Fuße des HĂŒgels, worauf es erbaut ist, sahen wir mehrere Neger, und in den HĂ€usern u engen Straßen dazwischen war es schwarz u voll, wir fuhren so nahe vorbei, daß sie uns zurufen konnten. Die HĂ€user sind von Stein, mit plattem Dach; GrĂŒnes sahen wir nichts als 2 oder 3 PalmbĂ€ume, ĂŒberhaupt hatte die Insel und die benachbarten KĂŒsten ein trauriges, unfruchtbares u ödes Aussehen. Ein paar KĂ€hne mit den ersten Negern kamen ins Schiff, der KapitĂ€n fuhr aber in einem der beiden Schiffsboote ans Land. Wir hielten nicht lange, sondern steuerten wieder ins weite Meer hinaus u lenkten gegen Abend abermals dem Lande zu u zwar der MĂŒndung des Gambia Flusses.

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Nun merkten wir erst recht, daß wir uns unter afrikanischem Himmelsstrich befinden. Die Luft war dick und schwĂŒl, mit eigentĂŒmlichen Nebeln oder DĂŒnsten angefĂŒllt, so daß die Sonne Ă€hnlich wie in den Nebeln und SteinkohledĂŒnsten Londons nur wie eine rothglĂŒhende Kugel hindurch schimmerte, das Meer zeigte eine seltsame FĂ€rbung, blaßrosig, blĂ€ulich und weiß ineinander ĂŒbergehend; es erinnerte unwillkĂŒrlich an das Blut der Choleraleichen, von dem wir in Basel eine Zeichnung gesehen hatten, und an die Worte einer christlichen Parodie von 'Freiheit, die ich meine' - von den französischen Farben gesagt: blutig, bleich und blau, Todtengleich, die Farben auf des Lebens Au.

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Es wurde bei solcher Beschaffenheit der Luft um so bĂ€lder dunkel und der KapitĂ€n konnte mit seinem Fernrohr die KĂŒste u die Wahrzeichen darum fĂŒr die Schiffahrt nicht unterscheiden; er gab zwar Zeichen durch Raketen, Lichtfeuer und ich glaube 2 Kanonenschuß, aber kein Lotse (oder Pilot) kam, das Schiff zwischen Untiefen und gefĂ€hrlichen Stellen hindurch in den Fluß hineinzufĂŒhren. Ein Matrose hatte seit einiger Zeit bestĂ€ndig das Senkblei geworfen und die Tiefe des Wasser ausgerufen. Als sie weniger als 5 Faden betrug, hielt es der KapitĂ€n nicht fĂŒr rathsam, weiterzuziehen, man warf Anker und das Schiff blieb an dieser Stelle ĂŒber Nacht. Am andern Morgen kamen ein paar FischerkĂ€hne und endlich auch ein Lotse, ein Timma Neger. Nun ging es wieder rascher vorwĂ€rts und in einigen Stunden, zwischen 10 und 11 Uhr legte das Schiff an der LandungsbrĂŒcke von Bathurst an, so daß es (dieses einzige mal) keines Bootes bedurfte, um ans Ufer zu kommen.

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[...] Die ganze KĂŒste von Oanagambien (?) ist sehr flach, wie das Land weit hinein, die Stadt Bathurst, lĂ€ngs des Strandes mit vielen europĂ€ischen HĂ€usern geschmĂŒckt, stellte uns aber doch ein viel schöneres Bild vor Augen als das französische Goree. Die Wesleyaner oder Methodisten haben auf den englischen Besizungen am Gambia einige Missionsposten, ich hatte von einem der SecretĂ€re dieser Missionsgesellschaft in London einen Brief von Missionar Meadows in Bathurst. Ich fragte einen Negerpolizeidiener nach dessen Wohnung u da traf sichs, daß eben einer seiner Schulmeister fĂŒr diese Station gekommen sei. Er fĂŒhrte uns durch die breiten geraden Straßen, zu deren Seiten die Negergehöfte standen, nach dem Missionshaus. Es war der erste Gang auf afrikanischem Boden, die Hize ziemlich drĂŒckend, obwohl es die kalte Jahreszeit war. Die Straßen bestanden aus tiefem, feinen, heißen Sand oder durch die Trockenheit abgestorbenem Laub. Herr Meadows empfieng uns sehr liebreich, zeigte uns die schöne Kapelle, das Schulhaus, in dem eine betrĂ€chtliche Anzahl Negerkinder unter 2 schwarzen Lehrern Unterricht erhielten; dann veranstaltete er einen Gesang der Ă€lteren Kinder in der Kapelle, geleitet von dem einen Negerschullehrer. Es waren etwa 30 Kinder, aber sie fĂŒhrten einen Gesang auf, wie wir ihn nimmermehr von Negerkindern erwartet hĂ€tten, ja wie ich in Deutschland oder in der Schweiz keinen von Kindern gehört habe. Es war zuerst ein kĂŒnstlicher 4stimmiger Figuralgesang, der 24. Psalm, dann ein paar einfache GesĂ€nge, 2- oder 3stimmig.

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Von einem amerikanischen Kriegsschiffe, das vor Anker lag (u. das jener KapitĂ€n Lynch mit unserem Forerunner vertauschte) waren 2 Offiziere auch dazu gekommen. Hernach besuchten wir ein krankes Negerweib u dann einen ClassenfĂŒhrer der Negergemeinde meiner Wohnung u kehrten nach ein paar Stunden Aufenthalt zu unserem Schiff zurĂŒck. Um 5 Uhr war nichts mehr vom Schiff ans Land oder vom Land aufs Schiff zu schaffen, daher fuhr letzteres von der LandungsbrĂŒcke hinweg u warf an einer anderen Stelle Anker, im Ganzen mußte es der Postsachen wegen 24 Stunden verweilen. Am nĂ€chsten Vormittag (Samstag d. 15ten) kamen 9 schwarze Leute an Bord, die nach Sierra Leone mitreisen sollten, 2 MĂ€nner, 3 Weiber, 4 Kinder.

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Ich machte mit den MĂ€nnern, von denen der eine ein Christ war, Bekanntschaft u mit einem etwa 10 jĂ€hrigen Knaben, der ziemlich gelĂ€ufig englisch lesen konnte. Am 16ten, Sonntag, lasen wir 5 Morgens eine deutsche Predigt, hernach war Schiffsgottesdienst, u ich unterhielt mich mit dem Negerknaben, u am Abend hatten wir wieder ein interessantes GesprĂ€ch mit einigen der Offiziere, die den Negern eine Mittelstufe zwischen Affen und weißen Menschen anweisen wollten. Am 17ten Morgens hieß es, die Kohle sei ausgegangen u fast den ganzen Tag ĂŒber wurde alles entbehrliche Holzwerk zusammengesucht, Stangen zersĂ€gt, leere Kisten u FĂ€sser zerschlagen, u so gelangten wir doch noch am Abend desselben Tages mit Hilfe des Leuchtthurms u eines Lotsen in den Hafen von Orantown (d.i. Freetown), der Hauptstadt von Sierra Leone. Die 5 Offiziere giengen in der Nacht noch ans Land, die Neger schliefen noch einmal auf dem Verdeck. Br. Kölle (von Kleebronn bei Brackenheim) besuchte uns noch in der Nacht, was uns sehr freute, u holte uns am anderen Morgen ab ans Land.

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Nun muß ich aber, da ein unvorhergesehenes SchreibgeschĂ€ft fĂŒr die Station mir dazwischen kam, u die Zeit die Briefe abzusenden da ist, die (kĂŒrzere) Fortse(t)zung auf den nĂ€chsten Brief versparen. Ans Land kamen wir wieder in Mouronia auch Cape Coast Castle, dagegen am 25. frĂŒh sahen wir Accra u in einigen Stunden war alles am Land. Die Akroponger BrĂŒder waren auch da, sie hatten mehrere Tage nach beendigter Conferenz auf uns gewartet.

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Deshalb war auch Bruder Lochers Hochzeit schon am 27ten u des andern Morgens 3 1/2 Uhr war ich mit Bruder Dieterle, bei dem ich die Kost habe, von 2 Negern (die mit anderen abwechselten) in einer HĂ€ngematte getragen, auf dem Weg nach Akropong. Ich gieng natĂŒrlich mitunter auf eigenen FĂŒĂŸen, an manchen Stellen gebietet das schon der Weg.

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Seit 2. Febr. habe ich einen heidnischen Knaben bei mir, der mir das Bett macht, das Zimmer reinigt, Wasser holt u.s.w. und nicht englisch versteht. Ich schicke ihn zur Schule, die er nicht besuchen konnte, solange er zu Hause war bei seiner armen Mutter. Er bekommt monatlich 1 f 12 Kr (sic!) nach unserm Geld u ißt zu Hause. Von meiner Lebensweise, der Station, den Einwohnern von Akropong, dem König, den ich in seiner Wohnung besuchte u der dann auch zu uns kam, das nĂ€chstemal.

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Diesen Brief sende ich an Bruder MĂŒnzenmaier in Basel, daß er ihn selber lesen, soviel er will den BrĂŒdern mittheilen - und von mir grĂŒĂŸen kann.

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Es thut mir leid, daß ich so ein schlechter Briefschreiber bin, aber dießmal walteten eben besondere UmstĂ€nde ob.

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Zur öffentlichen Mittheilung z.B. in einer Missionsstunde ist dieser Brief natĂŒrlich ganz u gar nicht geeignet, ich will spĂ€ter einen solchen schreiben. Ich muß mich zuerst in meine neuen VerhĂ€ltnisse hineinleben. Mit GrĂŒĂŸen fĂŒr die Heimat im Einzelnen will ich lieber gar nicht anfangen, es muß erst alles auf dem Papier stehen. Die Geistesgemeinschaft hĂ€ngt nicht davon ab. Gottes Gnade u Wahrheit, die sich beweiset so hoch der Himmel ist u so weit die Wolken gehen, walte dort ĂŒber Euch u hier ĂŒber Eurem Gottlieb Christaller.

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